| 14.44 Uhr

Jahrhundert-Schau in der National Gallery
Leonardo da Vinci beglückt London

London (RP). Diese Ausstellung gilt als Welt-Ereignis: An diesem Mittwoch beginnt in der Londoner National Gallery "Leonardo da Vinci: Maler am Mailänder Hof". Die Schau umfasst gemalte und gezeichnete Werke des Universalgenies der Renaissance. Nie zuvor hat das Museum so viele Tickets vorab verkauft wie diesmal. Von Alexei Makartsev

"Sie ist die absolute Perfektion, so schön wie eine Blume", sagt der smart aussehende Mittvierziger im grauen Anzug, während seine Augen eine Minderjährige liebkosen, die im 15. Jahrhundert gelebt hat. "Ich liebe Cäcilia", gesteht offen der Mitarbeiter der National Gallery vor den Journalisten, die staunend die "Dame mit dem Hermelin" von Leonardo da Vinci betrachten.

Vor fünf Jahren hatte Luke Syson einen Traum: Das Gemälde der jungen Geliebten des Mailänder Herrschers Ludovico Maria Sforza und alle anderen Meisterwerke Leonardos aus aller Welt nach London zu holen. Es war eine schier unlösbare Aufgabe, doch der Kunstexperte ließ nicht locker, bis er alle Hindernisse überwunden hatte.

Jahrhundert-Schau in London

Das Ergebnis ist eine Ausstellung mit dem Titel "Leonardo da Vinci: Maler am Mailänder Hof", die in der britischen Hauptstadt eröffnet wurde. Die euphorischen Kritiker nennen sie eine "Jahrhundert-Schau".

Noch bis Februar können der verliebte Syson und Tausende Besucher neun Gemälde des italienischen Altmeisters genießen, die aus der produktivsten Zeit seiner Karriere stammen. Noch nie konnte man so viele dieser Meisterwerke an einem Ort bewundern.

Die Ausstellung konzentriert sich auf zwei Jahrzehnte (1482 bis 1499), die der junge Maler am Hof von Sforza verbrachte. In London werden alle erhaltenen Werke aus dieser Zeit gezeigt und ein unmittelbar danach entstandenes Christus-Porträt – "Salvator Mundi" (Retter der Welt) –, das erst kürzlich als ein da Vinci ausgegeben wurde. Außerdem präsentiert die Galerie dem Publikum mehr als 60 Zeichnungen und Skizzen des genialen Italieners, die aus der Sammlung der Queen stammen. Syson nennt Leonardos Kunst eine "Revolution".

Nach Meinung des Kurators hat da Vinci die Darstellung von Menschen in der Malerei radikal verändert und die zuvor distanziert und statisch wirkenden Porträts durch clevere Tricks zum Leben erweckt. "Er war überzeugt, dass die Kunst alles Sichtbare, aber auch alles Unsichtbare im Universum, wie die menschliche Seele, darstellen kann", erklärt Syson.

Aus dem Götterhimmel auf die Erde

In den sechs Sälen der Nationalgalerie sieht man jetzt Porträts, die zu atmen und zu fühlen scheinen. Der "Musiker" (1486) – eine Leihgabe der Biblioteca Ambrosiana in Mailand – hält die Lippen leicht geöffnet, als hätte er soeben sein Lied beendet. Die unnahbare Schöne "Belle Ferronniere" (1493), sonst im Pariser Louvre zu sehen, blickt sehnsüchtig über die Köpfe der Besucher hinweg, als wäre sie einzig an einem bestimmten Mann interessiert.

Syson hatte nach eigener Darstellung kein Interesse daran, der Öffentlichkeit ein weiteres Mal das "göttliche Genie" da Vincis zur Anbetung zu präsentieren. Stattdessen holt die Londoner Schau Leonardo aus dem Götterhimmel auf die Erde herab und zeigt den berühmtesten Schöpfer der Renaissance als Wegbereiter der neuen Kunst, vor allem aber auch als einen entmystifizierten Menschen mit Stärken und Schwächen.

So soll da Vinci beispielsweise viele ehrgeizige Projekte nicht vollendet haben, weil er nach Meinung mancher Experten mehr am Prozess der Entdeckung interessiert war als am Ergebnis. Zur Strafe, so erfährt man in der Ausstellung, musste der Maler teilweise bis zu 25 Jahre lang auf seine Bezahlung durch die unzufriedenen Auftraggeber warten.

Das magische Erbe Da Vincis

Das magische Erbe Leonardos zieht die Besucher unweigerlich in seinen Bann. Einer der Höhepunkte der Schau ist die Gegenüberstellung von zwei Versionen eines Gemäldes im selben Raum. Die frühere Fassung der "Madonna in der Felsgrotte" (ab 1483) aus dem Louvre strahlt irdische Wärme und natürliche Geborgenheit aus.

Das ältere Bild (ab 1493) aus dem Besitz der National Gallery wirkt dagegen mystisch, kühl und abgerückt. Es ist das erste und wahrscheinlich einzige Mal, dass die Kunstliebhaber beide Meisterwerke miteinander vergleichen können.

Alle da Vincis sind zum Schutz vor Dieben und Vandalen mit gepanzerten Glasscheiben verdeckt. Aus Sicherheitsgründen beschränkt die Galerie zudem die Zahl der Besucher auf 360 pro Stunde. Dennoch rechnen die Organisatoren mit dem "größten Kassenhit aller Zeiten" und einem neuen Zuschauerrekord.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Jahrhundert-Schau in der National Gallery: Leonardo da Vinci beglückt London


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.