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Philosophen-Serie (16): Luhmann – der König der Theorie

VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 15.01.2010 - 07:48

(RP). Niklas Luhmann ist der letzte systematische Denker der Philosophie. Seine epochale und umstrittene Theorie der Gesellschaft ist eine kühle und präzise Beschreibung der postmodernen Gegenwart. Sie lehrt uns, Enttäuschungen zu vermeiden und Illusionen auszuschließen.

Man kann gar nicht anders, als über diesen mitunter wunderlich wirkenden Mann zu schmunzeln. Über seine Einlassung zur Liebe zwischen Mann und Frau etwa. "Die Liebe hilft das Problem der sexuellen Konkurrenz lösen oder doch entschärfen", schreibt er 1969. Eine Entzauberung der Wirklichkeit, sicher. Aber doch auch eine wahrhaftige Beschreibung. Die Treue des Ehegatten ist daraus folgend ein "Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität". Aufklärung durch Abklärung, so ist das bei Luhmann, dem "Messias der neuen Sachlichkeit".

Es ist hilfreich, über Niklas Luhmann zu lachen, über sein Begriffsdomino, die teils verstiegenen Versuche, einfach alles zu erklären – von der höfischen Liebe über das deutsche Recht bis zum "Schlottertanz in modernen Diskotheken". Das Lachen zeigt, dass man den Sozialtheoretiker als Ironiker erkannt hat, der er trotz seiner auf den ersten Blick unzugänglichen Texte ist: jemand, der zu den Dingen des Lebens eine schwebende Distanz hält. Die Erkenntnis erleichtert den Umgang mit einem Soziologen, der in vielen Nachrufen als der größte des 20. Jahrhunderts bezeichnet wurde.

Der 1998 kurz vor seinem 71. Geburtstag in Oerlinghausen bei Bielefeld gestorbene Luhmann ist nach einer Phase enormer akademischer Popularität in den 80er und 90er Jahren ein wenig in Vergessenheit geraten. Er hat prominente Schüler wie Dirk Baecker, aber es gibt keine Luhmann-Schule. Dabei sind die Zeiten inzwischen danach, dass man ihn neu lesen sollte. Denn die Ironie, die zwischen den Zeilen vor allem der späten Schriften leuchtet, ist der Ausdruck dessen, der sich einen Überblick verschafft hat und das Ganze zu begreifen vermag. Und eben danach sehnen wir uns doch alle: nach Übersicht und Ordnung in einer vernetzten Welt, deren Komplexität die Vorstellung überfordert.

Die Waffe, mit der sich Luhmann die Zumutungen der Realität vom Leib hält, ist die Systemtheorie. Luhmann ist nicht ihr Erfinder, aber er verfeinert sie doch und erhöht ihre Anwendbarkeit. Sie soll es ermöglichen, alles Soziale zu beschreiben, und in diesem Universalitätsanspruch ist er ein Geistesverwandter von Kant und Hegel. Verwandtschaft hat hier allerdings nichts mit Freundschaft zu tun. Diese und andere klassische Denker sind für Luhmann "Alteuropa", das ist sein Schimpfwort für eine Epoche, deren Kennzeichen es seiner Meinung nach war, lediglich einfache Grundideen zu entwerfen und auf niedrigem Komplexitätsniveau zu argumentieren. Luhmann will alles neu machen, die Gegenwart mit eigenen Mitteln beschreiben.

Zu Beginn seiner Karriere unterwirft er die theoretischen Grundbegriffe der Philosophie und Soziologie einer Revision. Er definiert für sich, was Handlung, System, Ideologie, Funktion, Struktur und Kommunikation sei. Er schafft ein eigenes Begriffssystem, findet seinen Standpunkt durch Abgrenzung. "Soziologische Aufklärung" ist sein Ziel, also eine Sozialwissenschaft, die sich an den interdisziplinären Möglichkeiten der Gegenwart orientiert und doch ein Gedächtnis hat. Der Soziologie geht es damals, so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, nicht gut. Die Disziplin sucht nach ihrer Bestimmung, aber man findet keinen Weg, Gesellschaft angemessen zu analysieren. Dann kommt Luhmann.

Der Sohn eines Brauereibesitzers aus Lüneburg studiert zunächst Rechtswissenschaft. Er geht in die Verwaltung, wird Oberregierungsrat. Als er 1960 während eines Forschungsaufenthaltes in Harvard dem amerikanischen Handlungstheoretiker Talcott Parsons begegnet, wendet er sich der akademischen Forschungsarbeit zu. Er legt seinen legendären Zettelkasten an, der später 30 000 Notizen auf Papieren im Oktav-Format mit kryptischen Ordnungsnummern wie 21/3d26g104,1 enthalten wird. Studenten taufen ihn den "heiligen Gral von Bielefeld". Seinen "kompetentesten Kommunikationspartner" nennt Luhmann das Monstrum mit den 24 Schubladen.

Er wechselt 1962 ans Forschungsinstitut an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer und wird vom damals einflussreichen Soziologen Helmut Schelsky an die Sozialforschungsstelle nach Dortmund geholt. 1968 bewirbt er sich an der soeben gegründeten Reform-Uni Bielefeld auf den Lehrstuhl für Soziologie. Man nimmt ihn, sein Forschungsvorhaben klingt allzu verlockend: "Projekt: Theorie der Gesellschaft. Dauer: 30 Jahre. Kosten: keine."

Luhmann hält Wort: 1997, kurz vor seinem Tod, wird der letzte Band seiner Gesellschaftstheorie erscheinen: "Die Gesellschaft der Gesellschaft" ist sein zweites Hauptwerk nach dem grundlegenden Buch "Soziale Systeme" von 1984. Dass es der Schluss eines selbstreferentiellen Werkkomplexes ist, deutet Luhmann mit einer Spielerei an. In einer Fußnote von "Die Gesellschaft der Gesellschaft" heißt es: "Siehe dazu: Niklas Luhmann, "Die Gesellschaft der Gesellschaft", S. 127."

Luhmann arbeitet jeden Tag von 8.30 bis 23 Uhr mit zwei Unterbrechungen – dann geht er Gassi mit seinem Hund. Wenn Kollegen ihn zum Feierabend-Bier abholen wollen, antwortet er: "Ich lese Hölderlin." Der früh verwitwete Vater dreier Kinder hat keine Zeit, er muss schreiben und lesen. Sein Werk umfasst am Ende 14 000 Druckseiten.

Luhmanns Systemtheorie verbindet Biologie mit Soziologie, Computerwissenschaft, Kybernetik und Mathematik. Sie bietet im Kern eine präzise Sicht auf die Gesellschaft. Zwei Ideen liegen ihr zugrunde: Sozialsysteme bestehen aus Kommunikationen, nicht aus Menschen oder deren Taten. Und: Die Gesellschaft zerfällt in Untersysteme wie Recht, Wirtschaft oder Kultur, die autonom funktionieren und von außen kaum steuerbar sind. Die Einzelsysteme funktionieren nach eigenen Gesetzen, die es von der Umwelt zwar nicht ablösen, aber abheben. Die Wirtschaft wickelt ihre Operationen über das Leitmotiv Haben/Nichthaben ab, das Rechtssystem über Recht/Unrecht. Statt von einem Theoriegebäude spricht man bei Luhmann besser von einem Theoriegeschehen: Es gibt kein Zentrum, jedes System dreht sich unaufhörlich und zeitgleich zu den Bewegungen der anderen um sich selbst.

Dass der Mensch in Luhmanns Entwurf keine Rolle spielt, dass er ihn unter dem Begriff "Umwelt" subsumiert, ist der Punkt, an dem die meisten seiner Kritiker ansetzen. Luhmann geht es rein um Beschreibung und nicht wie in der Soziologie üblich auch um Kritik des Bestehenden. "Wenn man eine moderne Gesellschaft erkennen will, hat man nicht auch noch Zeit, sie zu beraten", sagt er. Er verweigert sich der kritischen Benennbarkeit der Welt, seine Texte liefern keine kritischen Parolen zur Zeit. Seine Theorie ist eine Anweisung zum Sehen, sie kommt ohne Subjekt, Weltgeist und Vernunft aus.

Das Sterile der Systemtheorie missfällt vor allem den Vertretern der Kritischen Theorie. Jürgen Habermas liefert sich in den frühen 70er Jahren mit Luhmann eine berühmt gewordene Kontroverse. Der Frankfurter wirft dem Bielefelder Kollegen vor, er sei ein "Sozialtechnologe". Luhmann kontert und attestiert Habermas "Moralkonservatismus".

Luhmann ist radikal rational. Gesellschaft ist bei ihm ein operativer Begriff, er befreit ihn von moralischen Implikationen. Gesellschaft besteht aus Kommunikation, aus nichts weiter sonst. Die Art der Kommunikation unterscheidet die Gesellschaft von anderen Systemen. Und aus der Kommunikation heraus, die im Austausch mit der Umwelt in Bewegung gehalten, reproduziert und verändert wird, erneuert sie sich ständig. Luhmann – und auch das unterscheidet ihn von seinen Vorgängern – glaubt nicht an eine veränderte Zukunft. Er gibt nicht wie andere Philosophen Handreichungen zur Überwindung des Status quo, bei ihm besteht keine Hoffnung auf Weltverbesserung. Es wird alles immer so bleiben. Dennoch kann von zynischer Beliebigkeit keine Rede sein. Wer einmal gekostet hat von der Theoriedroge, sieht klarer. Wirtschaftskrise? Mit Luhmann kann man antworten: In der Wirtschaft gibt es nur ein Mittel der Kommunikation, und das ist die Frage nach Profit/Nonprofit. Moral, die Not der Verlierer, das Leid der Arbeitslosen interessiert sie nicht, kann sie nicht interessieren. Und deshalb kann sie danach nicht handeln.

Wer Luhmann begreift, erhält Einsicht in das Innere des gesellschaftlichen Funktionskörpers. Luhmann ist der Internist der postmodernen Gesellschaft, und nur wer die Anatomie eines Körpers kennt, kann Krankheiten beheben helfen, ihren Verlauf beeinflussen. Resonanzfähig ist ein System wie die Wirtschaft nur für Argumente, die sich in Preise umrechnen lassen. Wer Unternehmen aufruft, nachhaltig zu handeln, muss also die Rahmenbedingungen kennen, sonst bleibt es beim naiven Appell.

Warum sollte man unbedingt wieder Luhmann lesen? Weil man sein Begriffsraster zur Auswahl, Aufnahme und Anordnung von Informationen mit Luhmanns Hilfe verfeinern kann. Und weil Luhmann hilft, Enttäuschungen zu vermeiden. Nur wer sich keinen Illusionen hingibt, kann glücklich leben.

Quelle: RP

 
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