Über den Humor: Mal im Ernst . . .
VON NIK EBERT - zuletzt aktualisiert: 31.12.2008 - 10:42Düsseldorf (RP). Lachen ist – meistens – gesund und spiegelt die Gesellschaft. Nach der Blödelwelle und Tabubrüchen aller Art werden jetzt wieder feinere Zwischen-Töne hörbar.
Sie werden lachen. Ich hätte lieber über etwas Lustiges geschrieben. Etwas Leichtes, Heiteres. Nicht über "Humor". Den nehme ich nämlich viel zu ernst, um mich darüber lustig zu machen. Schließlich ist die Rede von einer der herausragendsten menschlichen Eigenschaften überhaupt! Eine, die den Sapiens letztlich vom Tier unterscheidet. Umgekehrt gesagt: Wer die Fähigkeit, spontan zu lachen, nicht hat; wer keinen Sinn hat für die Skurrilitäten des Alltags, für die Ironien des Lebens – vor allem aber – für die Komik der eigenen Schwächen – wem also der Humor nicht gegeben ist, der ist ernsthaft sozial behindert.
Womöglich ist er sogar gefährlich! Das gilt nicht nur für Individuen. Sondern (vor allem!) auch für Gruppierungen und Staaten. Humor ist ein Grundpfeiler menschlicher Koexistenz. Als Spiegel der Gesellschaft gibt er Auskunft über Intelligenz, Toleranz und die integrative Kraft eines Gemeinwesens. Der humorvolle Umgang mit dem Störenden mildert Konflikte und ist meist schon die halbe Lösung von Problemen. Der Aggression wird Leichtigkeit entgegensetzt.
Lachen befreit! Ein Staat, der das Lachen reglementiert, ist ein Schurkenstaat – egal, wie er sich ansonsten darstellt. Denn er versucht, den Menschen die Freiheit zu nehmen! Sie gefügig zu machen, indem er ihnen ein Stück substanzieller Menschlichkeit entzieht.
Aber Humor ist besonders stark, wo man "trotzdem" lacht. Lachen ist impulsiver Trotz. Gegen Trübsinn und Drangsal. Das mag erklären, warum gerade diejenigen, die am wenigsten "zu lachen" haben, über einen besonderen Sinn für Humor verfügen. Und dass da, wo Humor verboten ist, die subtilsten Witze entstehen. "Galgenhumor" ist besiegte Resignation...
Grundsätzlich gilt: Lachen ist gesund!
Aber, wie jede Verallgemeinerung, so hat auch diese ihre Ausnahmen. Zu differenziert sind die Gründe und Klänge des Lachens. Je lauter, massenhafter und aufgesetzter, desto genauer sollte der kritische Geist zuhören: Worüber lachen die da? Ist es das höhnisch-erniedrigende Lachen der Macht über die Ohnmacht? Der Dummheit über den Intellekt? Der "Gläubigen" über die "Andersgläubigen"? Der Nihilisten über die Werte? Der Propaganda über die Wahrheit?
Es gibt eben auch dieses "Sich-krank-Lachen". Seine Motivation ist aber nicht Humor, sondern Zynismus.
Das humorvollste – und damit gesündeste Lachen findet wohl vor dem Spiegel statt. Voraussetzung dafür ist ein intaktes Selbst-Verständnis: Wer über sich selber lachen kann, hat sich selbst verstanden. Und damit auch ein Stück vom Leben und der Welt. Als struktureller Bestandteil des gesellschaftlichen Nervenkostüms ist der Humor aber auch einem ständigen Wandel unterworfen.
So musste sich auch die junge Bundesrepublik erst einmal an die neue Freiheit gewöhnen. Nach all den todernsten Jahren kam das "Witzige" eher unbedarft und tapsig in Gang. Aber: Es durfte gelacht werden! Pseudo-witzige Geschmacksverirrungen und intellektfreie Blödeleien dienten noch der Orientierung auf unbeackertem Boden. Glossisten, Kabarettisten und Karikaturisten blinzelten noch unsicher ins strahlende Licht der neuen Offenheit. Plötzliche Freiheit diesen Ausmaßes kann erschreckend sein, so gesehen... Die Befindlichkeit der Nation und der "freien Welt" wollte ertastet, das neue Selbstgefühl im Spiegel der Demokratie erforscht werden.
Manches Talent er- und verblühte nahezu unbemerkt in Kellerkabaretts oder verausgabte sich auf den "Witzseiten" der Illustrierten. Die Wenigen, denen es gelang, Zugang zu den kaum vorhandenen "Medien" zu erlangen (Buch, Radio, Film und Presse) leisteten beinharte Pionierarbeit. Einige wurden zu Legenden. "Schmunzel-Poet" Heinz Erhard, "Cartoonist" Loriot, "Entertainer" Peter Frankenfeld – oder "Moderator" Hans-Joachim Kuhlenkampf setzten Maßstäbe für das Anforderungsprofil ihres jeweiligen Berufsbildes.
Dennoch: International wurde die Existenz deutschen Humors schlichtweg ignoriert. Besonders die Nonsens-erprobten Angelsachsen empfanden die schüchternen Komik-Etüden der Teutonen als eher lächerlich denn zum Lachen. Umgekehrt galt hierzulande das Etikett "Englischer Humor" als Warnhinweis: "Achtung! Ätzend und schwer verdaulich!"
Aber dann geschah es! Ende der achtziger Jahre, pünktlich zur Eröffnung des werbefinanzierten TV-Massen-Marktes, taten sich alle Schleusen auf einmal auf: Der angesagte Zeitgeist in Gestalt einer sofortigen Zwangs-Lockerheit brach sich mit einem gewaltigen Schlag den Weg ins vorglobale Wohnzimmer. Die "Marktlücke" Humor war – kaum entdeckt – schon zugestopft! Schallende Lachkrämpfe auf allen Kanälen. Vor allem die neue Spezies der "Stand-Up-Comedians" ging auf "Nummer Todsicher" mit der Bedienung von Vorurteilen, mit Tabubrüchen und ästhetischen Tiefschlägen. Das Publikum mutierte zu "Zielgruppen".
Um diese im werbeanfälligen "delirium clemens" zu halten, konnte gar nicht genug Lachgas versprüht werden. Vor allem bei den Gebührenfreien herrschte phasenweise ein Produktionsdruck wie in der Landwirtschaft. Und die Nachfrage nach Belämmerung schien unersättlich. Goldgräberstimmung unter den Klassenclowns. Jeder durfte "mal machen", wurde zeitnah zum "Kult" erklärt und durfte, ehe er begriff, dass er schon einer war – als B – oder C-Promi in Talk-und Gameshows sein Gnadenbrot aufknabbern.
Dann die Metastasierung der Hysterie: Der Blödel-Bazillus sprang alsbald Europa an! Germany drohte euro-visionär dem Grand Prix-Schlagerpublikum: "Gildo hat Euch lieb!" Und mit dem Kampfschrei "Waddehaddedudeda!!!" stieß die Speerspitze der neudeutschen Spaßfront, Stefan Raab, gleich nochmals in die frische Wunde. Irritation allenthalben: Was war denn bloß in die "Germans" gefahren?
Die versuchten unverdrossen, ihre Humor-Kultur auf massengerechtes Blödelniveau tiefer zu legen. Das Lachband reüssierte als Gehhilfe für gelenksteife Fließband-Gags. Marodierende Banden von hemmungs- und talentfreien "Gag"-Söldnern füllten auf Gedeih und Verderb alle vakanten Sendeplätze mit reklame-kompatiblem Flachsinn. In atemberaubender Frequenz schossen immer neue komödiantische Scheintalente wie Pilze aus dem Bühnenboden – und drängten die humorschaffenden Feingeister in die öffentlich-rechtliche Diaspora.
Doch das rauschhafte Dreiecksverhältnis der Massen mit den Medien – und der Massenmedien mit den Brüllaffen der Spaßgesellschaft – ist nahezu ausgelebt. Der postmoderne Herdentrieb mag zwar noch mal 70.000 Leichtgesinnte zum kollektiven Ablachen in ein Stadion treiben. Aber unterhalb der Gürtellinie kann nicht mehr viel passieren, denn es gibt kaum noch Tabus, die nicht bereits -zig mal gebrochen wurden.
Der Zynismus hat sich und seinen Marktwert weitestgehend totgelacht. Terror, Kriege und eine dumpfe Existenzangst dämpfen das Geblödel auf Zimmerlautstärke. Ernüchterung kommt auf. Und das "Trotzdem-Lachen" erobert sein Terrain zurück. Die feineren, die Zwischen-Töne, werden wieder hörbar! Geläutert – und um ein paar echte Talente bereichert, bieten Bühnen und Medien ein vielfarbiges Angebot von Comedy, Kabarett und Satire. Erfreuen wir uns an ihnen! Denn sie sind – bei allem unterschiedlichen Niveau und Geschmack – vor allem eines: Spiegelbild unserer Freiheit!
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