Nachlass eines Wissenschaftlers: Mecklenburgs Geschichte auf zwei Millionen Spickzetteln
zuletzt aktualisiert: 25.06.2010 - 17:23Rostock (RPO). Das kulturelle Gedächtnis Mecklenburgs ist niedergeschrieben auf rund zwei Millionen kleiner Spickzettel. Der mecklenburgische Volkskundler Richard Wossidlo (1859-1939) hat sie noch selbst fein säuberlich sortiert und in Holzkästen aufbewahrt, die Sammlung ist Grundstock des heutigen Wossidlo-Archivs in Rostock.
Wenn der Leiter des Wossidlo-Archivs Christoph Schmitt vor den bis an die Decke gestapelten, tausenden Holzkisten steht, habe er "einen Brandkomplex", gesteht der Wissenschaftler. "Ein Feuer würde alles zerstören." Jetzt wird das Archiv komplett digitalisiert und ins Netz gestellt, um die Arbeit mit den Quellen zu erleichtern, aber auch um es für die Nachwelt zu sichern.
"Richard Wossidlo war der erste Feldforscher in der jungen Volkskunde", sagt Schmitt. Er sei alles andere als ein "Lehnstuhlgelehrter" gewesen, sondern er sei raus zu den Menschen gegangen und habe sie befragt. "Er schrieb alles auf, ob zu Erntebräuchen oder heimischen Pflanzen, zu Sagen, Kräuterkunde, zur Bedeutung von Namen oder mundartlicher Bezeichnung von Seefahrtsbegriffen." Dafür habe er zurechtgeschnittene handtellergroße Zettel benutzt, in der Not aber auch seine Papiermanschetten beschrieben.
"Viele Zettel enthalten nur ein paar flüchtig hingeschriebene Bemerkungen, manche aber auch ausführlichere Beschreibungen. Hinzu kommen die Briefe seiner Helfer und Informanten", sagt Schmitt. Alle insgesamt zwei Millionen Blätter habe er Themenbäumen zugeordnet, die auch untereinander vernetzt wurden. Jede dieser Notizen soll nun digitalisiert werden. "Das wird spannend, wir werden nach Schlagworten suchen können und noch viel mehr Zusammenhänge entdecken", sagt Alf-Christian Schering, der das auf drei Jahre angelegte Projekt der Digitalisierung leiten wird.
Das Wossidlo-Archiv sei trotz seines Alters immer noch eine Fundgrube, betont Schmitt. Nicht nur Volkskundler, sondern auch Lehrer, Botaniker, Heimatforscher stöberten in den Zettelkästen. Da die Qualität des handbeschriebenen Papiers nachlasse, werde der gesamte Bestand parallel zur Digitalisierung auch gefilmt und als Kopie im sogenannten Barbarastollen im Breisgau eingelagert, wo nationale Kulturgüter für die Nachwelt erhalten werden sollen.
Gerade die Veröffentlichung im Internet unter wossidia.de solle weit größere Nutzerkreise erschließen als bisher. "Wir wollen auch andere Informationen und Forschungsergebnisse zur mecklenburgischen Volkskunde in unserer Datenbank einpflegen", sagt Schmitt. Aus der Schweiz beispielsweise seien ihm gerade mehrere Wossidlo-Briefe zur Verfügung gestellt worden.
Die Digitalisierung und die Verfilmung werden mit rund 900 000 Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Bund gefördert. In diesem Umfang sei das Vorhaben einzigartig in Deutschland, da Archive bislang im Gegensatz zu Bibliotheken lediglich Bestandsübersichten oder einzelne Dokumente ins Netz stellten, sagt Schmitt. "Es ist ja auch kein normales Archiv, sondern ein Forschungsnachlass, damit soll gearbeitet werden", sagt der Volkskundler.
Geplant sei auch, zumindest die Stichwörter ins Englische zu übersetzen und damit international Wissenschaftlern Zugang zu gewähren. "Wossidlos Feldforschung war musterhaft für ganz Europa." Kaum jemand sonst habe in jener Zeit eine Region volkskundlich so umfassend erschlossen, nicht einmal Sagen- und Märchensammler wie die Gebrüder Grimm, sagt Schmitt.
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