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Heinz Erhardt: Meister des gehobenen Blödsinns

VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 18.02.2009 - 08:18

Düsseldorf (RP). Heinz Erhardt gehört zu den größten Komikern des vergangenen Jahrhunderts. Viele können von seinen Ungelenksätzen kaum genug bekommen: "Ich heiße nicht nur Heinz Erhardt, sondern Sie auch herzlich willkommen!", hieß es bei ihm. Am Freitag wäre Erhardt 100 Jahre alt geworden.

Heinz Erhardts Komik prägte die Adenauerzeit. Foto: AP ARCHIV, AP

Auf der Bühne zelebrierte er die Verlegenheit und unterhielt mit feinen Sprachverdrehungen, im Film gab er den braven Biedermann. Er hatte diese leicht hochgezogenen Schultern des Schüchternen, der wie durch Zufall auf die Bühne geraten ist, die Angst vor dem Verhaspeln stets im Gesicht. So trat er vor sein Publikum, das dasaß, wunderbar steif, in Jackett oder Kostüm, Brosche am Revers, Haare hochtoupiert, und an der Weinschorle nippte.

Er war der Chefkomiker der Adenauerzeit, Heinz Erhardt, der am Freitag 100 Jahre alt geworden wäre. Sein Revier waren die bunten Abende, jene wunderbar strengen Unterhaltungsformate, die noch ohne kunstnebelumwölkte Starnummern auskamen. Stattdessen trat da dieser freundliche Onkel mit der Hornbrille vor einen Vorhang und trug Gedichte vor, ulkige Verse, die von lauter Nichtigkeiten handelten, aber die Sprache drehten und wendeten, bis die Pointe saß. Oder durch hübsche Plumpheit frappierten: "Wenn die Opern dich umbrausen/ mit Getön,/ dann genieße auch die Pausen:/ Sie sind schön." Und dann noch 'n Gedicht. Man kann süchtig werden nach seinen Kalauern und Wortverpflanzereien, weil sie so treffend und überraschend sind, wie alles Schlichte.

Heinz Erhardt gehört zu den größten Komikern des vergangenen Jahrhunderts, weil er ein Sprachvirtuose war. Viele seiner Verse wirken mehr komponiert als gedichtet, weil Sprache für ihn Klang war und Rhythmus. Nie hat er sich über sein Publikum erhoben. Lieber stand er sich selbst im Weg und gab seinen Zuschauern das Gefühl, dass ein wenig Einfalt in Ordnung ist. Und andere Macken auch. Heinz Erhardt hat die Verlegenheit geadelt, die Einfalt zelebriert, das Linkischsein perfektioniert. Und er hat nie jemandem wehgetan.

Auch in seinen Filmen nicht. Da ließ er sich von Trude Herr das Fahren beibringen, schlug sich als Witwer mit fünf Töchtern durch oder radelte durch den Schwarzwald. Heile Kulissen, in denen sich leicht ein Liedlein anstimmen lässt. Und das tat er dann auch gern.

Diese Beschwörung des trauten Bürgerglücks im Film kann man genauso kritisieren wie seine Politikabstinenz als Versschmieder. Denn natürlich bewiesen andere Künstler seiner Zeit, Lore Lorentz etwa, was man vor Publikum auch hätte sagen können über eine Gesellschaft, die es sich behaglich machen wollte ohne Blick zurück.

Doch Heinz Erhardt lag das Urteilen nicht. Er wollte der Biedermann sein, dem das Volk vertrauen konnte. Denn nur solange er den Harmlosen gab, den molligen Spaßmacher, konnten seine Aphorismen ihr volles Überraschungspotenzial entfalten. Sein Publikum durfte ihm den Scharfsinn nicht zutrauen, mit dem er die Sprache dann zersäbelte und unschuldig wie ein Kind wieder zusammensetzte. Nur verdreht. Bis alles Pathos gebrochen, alle Schlaumeierei düpiert war. Schalk nennt man diese Art von Humor. Er ist unpolitisch, aber klug. Erhardt gab zwar den Tölpel, doch war immer auch zu ahnen, dass in dem Ulkanzug ein Mensch steckte, der das Leben ernst nahm.

Heinz Erhardt wollte gemocht werden. Vielleicht hat das damit zu tun, wie er groß wurde, als Sohn eines Tanzkapellmeisters in Riga. Von ihm hatte er sein musikalisches Talent; Erhardt spielte sehr gut Klavier und komponierte. Doch er wurde als Kind viel herumgereicht, da lernt man, sich beliebt zu machen. Als 20-Jähriger versuchte er es erstmals auf der Bühne: am Klavier mit selbstgedichteten Liedern und Witzen. Doch erst nach dem Krieg, als er sich mit seiner Frau Gilda, die er 1935 geheiratet hatte, in Hamburg niederließ, begann jene Karriere, die ihn zum wichtigsten Komiker der Republik machte. Erst via Radio, später im TV und Film – und auch über das Medium Buch verbreitete sich sein poetischer Witz: "Das große Heinz-Erhardt-Buch" wurde 1971 ein Bestseller.

Doch '71 wurde auch ein Schicksalsjahr. Ein Schlaganfall zerstörte das wichtigste Werkzeug des Komikers, er verlor sein Sprechvermögen. Acht Jahre später starb Heinz Erhardt. Wie hoch der Anspruch war, den er an sich stellte, verrät ein Vers: "Oh wär ich/ der Kästner Erich./ Auch wär ich gern/ Christian Morgenstern./ Und hätte ich nur einen Satz/ von Ringelnatz./ Doch nichts davon./ Zu aller Not/ hab ich auch nichts/ von Busch und Roth./ Drum bleib ich, wenns auch schwer ward/ nur der Heinz Erhardt."

Er hat seine Vorbilder nicht erreicht. Vielleicht war er auch darum so komisch. Mehr zu lachen gibt es in unserem Quiz, wir wünschen viel Vergnügen!

Quelle: RP

 
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