Wir gratulieren: Micky Maus wird 80 – seufz!
VON ULLI TÜCKMANTEL - zuletzt aktualisiert: 17.11.2008 - 22:19Entenhausen (RP). Disneys berühmteste Zeichentrickfigur hat Geburtstag: In dem Film „Steamboat Willie“ tauchte Micky Maus vor 80 Jahren zum ersten Mal auf. Seither hat der Mäuserich Farbe gewonnen, bekam Handschuhe und Augen mit Pupillen – und blieb ansonsten die etwas charakterlose Maus für alle.
Nein, es werden natürlich keine Sektkorken knallen. Stattdessen wird Klarabella zur Geburtstagsparty eine selbstgebraute Limonade mitbringen, Goofy sich eine Ermahnung einfangen, bloß nicht mit den Fingern an die Geburtstagstorte zu gehen, der Postbote mit einem Glückwunsch-Telegramm des Polizeichefs über den handgemähten Rasen eilen und Minni Maus ihrem errötenden Dauer-Verlobten ein keusches Küsschen auf die Pausbacke geben. Schmatz, seufz.
Zum 80. Geburtstag seines großohrigen Stars hat der deutsche Ehapa-Egmont einen Jubiläumsband (116 Seiten, 16 Euro) aufgelegt, der Leser vor allem staunen lässt: Was ist bloß dran an dieser netten, aber auch etwas langweiligen Comic-Figur, dass sich jeden Montag in Deutschland noch immer rund 270.000 Magazine mit ihrem Konterfei zu einem Preis von 2,30 Euro verkaufen lassen?
Zur Ehrenrettung der Micky Maus muss man einräumen, dass sie bei ihrem ersten Film-Auftritt in „Steamboat Willie“ am 18. November 1928 im New York’s 79th Street Theatre zwar eine schwarz-weiße, aber alles andere als eine graue Maus war: Der Nager erlebte auf der Leinwand fantastische und grotesk-ulkige Abenteuer. Bald feierte Micky Maus weltweit ungeahnte Erfolge – auch bei Fans, auf die Walt Disney wahrscheinlich gern verzichtet hätte.
Saubermann-Idylle
1935 erhielt Micky Maus im stalinistischen Moskau einen Filmpreis, Adolf Hitler ließ sich 1937 von Goebbels zu Weihnachten 18 Micky-Maus-Filme schenken. Der Führer freue sich sehr darüber, notierte Goebbels in seinem Tagebuch. Noch bis zum Kriegsbeginn begeisterten die Disney-Kurzfilme im Vorprogramm das deutsche Kino-Publikum. An diese Beliebtheit konnte Micky Maus als Comicfigur im Nachkriegsdeutschland zunächst nicht anknüpfen. Das erste deutsche Heftchen stieß bei seinem Erscheinen 1951 ganz unabhängig seines Inhalts von Politik bis Pfarrbücherei auf breite gesellschaftliche Ablehnung. Comics galten schlicht als Schmutz und Schund, der die Jugend wenn nicht moralisch verderbe, so aber auf jeden Fall verblöde.
Da nutzte es Disneys bekanntester Figur nichts, dass die Storys häufig in der bunt gezeichneten Saubermann-Idylle amerikanischer Vorstadt-Welten angesiedelt waren. Walt Disney hatte seine einträglichste Figur vor allem zeichnerisch laufend weiterentwickeln lassen. 1929 bekam Micky die weißen Handschuhe verpasst, ab 1935 wurde er in Farbe gezeichnet, seit 1937 trägt er Anzug, 1939 bekam er Augen mit Pupillen, kurz darauf verlor er den Schwanz. Während Micky zur dominierenden Symbol-Figur des Disney-Konzerns wurde, krankte die Figur gleichzeitig daran, dass sie nie wirklich einen eigenen Charakter bekam.
Grübel, schlotter, ächz
Micky Maus trat als Pianist, Dirigent, Jäger und Zauberlehrling auf, war Hauptdarsteller in Märchen-Adaptionen und als Vorstadt-Detektiv ewiger Gegenspieler des tumben Ganoven Kater Karlo und des schwarzen Phantoms – und blieb merkwürdig blass. In Sachen Popularität hat Donald Duck den Mäuserich längst überholt. Die deutschen Micky-Maus-Hefte prägte 40 Jahre lang Erika Fuchs (1906 – 2005), die die amerikanischen Vorlagen für den Ehapa-Verlag übersetzte, ihnen Wortwitz und verballhornte Klassiker-Zitate hinzufügte und dem grammatischen Phänomen des Inflektiv (Verb-Wortstämme als satzwertige Äußerung) zum Einzug in die Alltagssprache verhalf: grübel, schlotter, ächz.
Begriffe, die zu Mickys 80. Geburtstag die Stimmung beim Disney-Konzern im kalifornischen Burbank beschreiben dürften. Die Finanzkrise schleicht sich an Onkel Dagoberts Geldspeicher heran, Vergnügungsparks und Filmstudios des Konzerns (knapp 40 Milliarden Dollar Umsatz) melden Gewinnrückgänge. Peter Höpfner, in Deutschland Chefredakteur des Micky-Maus-Magazins, würde sich wünschen, Disney ließe sich zu einem neuen Kino-Film mit Micky Maus hinreißen und würde sich der Worte Walt Disneys erinnern: „Ich hoffe nur, dass wir nie aus dem Auge verlieren, dass alles mit einer Maus angefangen hat.“
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