Antisemitismus-Vorwurf: Neue Debatte um Fassbinder-Stück
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 28.09.2009 - 07:53Mülheim/Ruhr (RP). Trotz Kritik des Zentralrats der Juden bringt Roberto Ciulli, Leiter des Theaters an der Ruhr, am Donnerstag Rainer Werner Fassbinders Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" auf die Bühne, das als antisemitisch gilt. Frühere Aufführungsversuche in Deutschland scheiterten an heftigen Protesten.
Ruhr Wenn ein antisemitisches Klischee in einem Theaterstück Figur wird, sind solche Sätze zu hören: "Er baut Häuser, wissen Sie, und alte reißt er ab. Das macht ihn reich. Und ungemütlich, muss man wissen. Doch glücklich ist er nicht, das macht ihn leichter zu ertragen." Mit diesen Worten führt Rainer Werner Fassbinder in seinem Theaterstück "Der Müll, die Stadt und der Tod" die Figur eines "reichen Juden" ein, der im Verlauf der Handlung nicht mal einen Namen bekommt. Dafür tut er schlimme Dinge. Kaltblütig benutzt er eine Hure, um an deren Vater heranzukommen, und erfüllt sogar deren Todeswunsch, indem er sie erwürgt.
1975 schrieb Fassbinder dieses Stück nach Motiven des Romans "Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond" von Gerhard Zwerenz und wollte es am Frankfurter Theater am Turm aufführen. Das verhinderten Frankfurter Kulturpolitiker – denn es gab massive Kritik wegen der antisemitischen Figur im Stück und weil es offensichtliche Bezüge zur Realität gab. Damals tobte in Frankfurt der Häuserkampf. Linke Aktivisten versuchten, durch Hausbesetzungen Immobilienspekulationen im Westend der Stadt zu verhindern. Viele sahen in der Figur des "reichen Juden" Anspielungen auf Ignatz Bubis, den späteren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, der im Westend investierte.
Auch ein zweiter Aufführungsversuch 1985 in Frankfurt scheiterte. Demonstranten beschimpften die Inszenierung als "subventionierten Antisemitismus", besetzten die Bühne. So wurde der Presse eine Aufführung gezeigt, die nun offiziell als Uraufführung gilt, die restliche Öffentlichkeit blieb ausgeschlossen. Seither gab es nur Inszenierungen im Ausland, in Tel Aviv und New York etwa, jedoch keine Versuche mehr in Deutschland.
Doch nun wagt sich wieder jemand an den Skandalstoff: Am 1. Oktober wird Roberto Ciulli, langjähriger Leiter des Theaters an der Ruhr in Mülheim, das Stück auf die Bühne bringen – zusammen mit zwei weiteren kurzen Fassbinder-Werken. Der Dreiklang soll eine Auseinandersetzung mit dem Theater- und Filmemacher Fassbinder sein. Doch so sehr Ciulli und sein Dramaturg Helmut Schäfer auch ihren kritischen Ansatz beteuern, der Skandal um das Stück scheint sich zu wiederholen. Der Zentralrat der Juden in Deutschland und die Jüdische Gemeinde Duisburg, Mülheim, Oberhausen forderten Ciulli auf, das Stück nicht aufzuführen. Das Theater solle "aus Respekt vor den wenigen Überlebenden des Holocaust und den Millionen von Toten auf die Aufführung verzichten". Es sei nicht gelungen, dem Stück eine "aufklärerische Zielsetzung zu verleihen, die den Antisemitismus entlarvt und damit bekämpft", befand man nach einem Probenbesuch.
Nachkommen wird Ciulli dieser Bitte nicht. Am Donnerstag ist wie geplant Premiere. Diesmal soll die Öffentlichkeit entscheiden, ob es dem Theater gelingt, eine antisemitische Figur auf die Bühne zu bringen, ohne dem Antisemitismus zu verfallen.
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