| 17.05 Uhr

Fotografie-Ausstellung im NRW-Forum Düsseldorf
Peter Lindberghs Blick auf die Frauen

NRW-Forum Düsseldorf: Peter Lindberghs Blick auf die Frauen
Der Modefotograf Peter Lindbergh stellt im NRW-Forum seine Art von Modefotos aus. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. "Women on street": Im NRW-Forum Düsseldorf ist der Erfinder der Supermodels mit seinem Fotografen-Kollegen Garry Winogrand zu sehen. Von Annette Bosetti

Er lässt das Blitzlichtgewitter gelassen über sich ergehen, er kennt das genau. Schließlich zückt er sein Smartphone. Schießt zurück. Lacht. Genießt. Peter Lindbergh, meisterhafter Fotograf, der als Erfinder der Supermodels und einer neuen, ehrlicheren Art der Modefotografie gefeiert wurde, ist von Paris nach Düsseldorf gekommen, um seine Ausstellung zu eröffnen. Das Flugzeug sollte Verspätung haben, kurzerhand ist er ins Auto gesprungen. Für ihn, der rastlos um die Welt jettet, Wohnsitze in Frankreich und in den USA und seine Wurzeln in Duisburg bewahrt hat, muss diese Strecke von 500 Kilometern ein Klacks sein. Immerhin ist er 72 Jahre alt. Doch von der Fahrt, von dem Alter keine Spur. Lindbergh, der eigentlich Brodbeck heißt, ist entspannt und zugewandt.

Leicht federnd in Sneakers und locker sitzendem Armani-Outfit bewegt er sich - umzingelt von Journalisten - durch die lichten Ausstellungsräume des NRW-Forums. Die Wände, die in Yves Kleins tiefem Blau gestrichen sind, gefallen ihm. Die Journalisten sagen ihm, dass sich seine Fotos von Frauen auf der Straße kaum von denen seines US-Kollegen Garry Winogrand unterscheiden würden. Kurator Ralph Goertz hat die beiden Modefotografen parallel ausgestellt und unter dem Thema "Women on street" verschränkt. Ihre Bilder knallen aufeinander. Tatsächlich aber sieht man auf den ersten Blick, was Lindbergh ist und was Winogrand.

Während sich auf den Aufnahmen des 1984 gestorbenen US-Amerikaners Winogrand die Frauen ins Straßenbild wie selbstverständlich einfügen, mit der Szenerie verschmelzen, stehen sie bei Lindbergh erhaben da. Man hat fast den Eindruck, er hätte sie reinmontiert - trotz eindeutiger Verortung. Sie beanspruchen einen eigenen Raum, eine Folie für ihre Handlung. Immer umgibt sie etwas Geheimnisvolles, Trotziges, Verschlossenes, Verlorenes. Keine lächelt. Eher melancholisch scheinen sie drauf zu sein. Und sie haben Haltung. Dadurch fallen sie auf. Selbst, wenn sie stark angeschnitten oder halb verdeckt sind, lenkt der Fotograf den Blick auf sie. Wie er das macht und kalkuliert, ist ein Geheimnis, das mit seiner Persönlichkeit und seinem Wesen zu tun hat.

Kein Weltstar, technisch betrachtet

Technik ist nicht alles. Daher ist Lindberg nicht - technisch betrachtet - ein Weltstar der jüngeren Modefotografie, sondern sein besonderer Blick ist entscheidend für die Qualität seiner Aufnahmen. Der Angang ans Sujet hebt ihn ab von anderen. Es ist ein zärtlicher Blick, den er den Frauen schenkt, wenn er sie fotografiert. Er begegnet ihnen von Mensch zu Mensch. Was ihm an dem schönen Gegenüber reizt? "Es sind Frauen", sagt er, "einfach Frauen". So ist ein Bild von Lindbergh immer auch eine Umarmung. Das Ergebnis einer Zweierbeziehung, die der Fotograf und sein Modell eingegangen sind für einen Moment. Fast wie bei den Porträtisten der klassischen Malerei.

Davon erzählt auch die blonde rauchende, telefonierende Frau auf einer Straße in New York. Die Haare wurden ihr locker hochgesteckt, ihr Kleid ist ärmellos, die Hände sind schmucklos. Alles andere auf dem Bild verdrängt sie, den auf die Fahrbahn schauenden Mann mit Bauch, die Werbetafeln, die Straßenflucht. Der Betrachter hängt sich an ihren leicht geöffneten geschwungenen Mund, dann blickt er auf die Augen. Diese Frau ist geheimnisvoll, ganz bei sich, bei ihrem Telefonat.

Lindbergh hat ihr in einem nur scheinbar privaten Moment aufgelauert. Alles ist gestellt, dahinter steht ein Auftrag. Aber er hat mir ihr geredet, dabei hunderte Male abgedrückt, um am Ende den einen perfekten Moment herauszufischen. Ist das Shooting vorbei, geht der Fotograf zu seinem Model und umarmt es. "Früher haben wir Modefotografen die Models entdeckt", erzählt er. "Heute tun das die Headhunter."

"Retusche ist langweilig"

An den Menschen und an den Fotos werde zu viel retuschiert, das sei nicht mehr sein Ding. "Ich bin nicht an der Architektur eines Gesichts interessiert, ich will immer zum Kern der Persönlichkeit, zum Wesen vordringen." Ein Gesicht ist für ihn nur dann interessant, wenn es Spuren eines Lebens trägt. "Mit der Retusche wird die ganze Erfahrung eines Menschen überdeckt, das ist doch langweilig." Botox ist für ihn ein Teufelszeug, Beauty ein blöder Terminus. Er mag nicht solche "Blockbuster-Pussys", die heute von den meisten Agenturen angefragt werden. Warum nicht ganz einfach von Schönheit sprechen?

Als schönste Frauen neben seiner eigenen, einer Kölnerin, mit der er drei Söhne hat, nannte er mal die französische Schauspielerin Jeanne Moreau und die Ballettheldin Pina Bausch, mit der er befreundet war. Beide haben wahrlich keine Allerweltsgesichter, sondern sie tragen Landschaften eines Lebens zur Schau. "Je mehr Erfahrung man hat, desto mehr kann man auf einem Gesicht entdecken", sagt Lindbergh, der jedes lesen mag und kann. Neulich habe er von einer guten alten Bekannten ein Passfoto gemacht und sich nur gewundert. Durch die Beschäftigung mit der Kamera war ihm das vertraute Gesicht ganz anders vorgekommen.

Mit seiner freundlichen Art der Begegnung, seinem Respekt vor Mensch und Methode, mit seinen erfindungsreichen Drehbüchern, die jedes Fotoshooting begleiten, ist Lindbergh gefragt wie eh und je. Für den Pirelli-Kalender 2017 hat er die Shootings gemacht und bei den Models großes Vertrauen genossen. Das freut ihn, Erfolg zu haben mit Natürlichkeit. Er macht Menschen Mut dazu, zu Falten und Lebenslinien zu stehen. "Was sollen die Archivare in 200 Jahren einmal von uns denken, wenn sie unsere Fotos von heute betrachten, all die Botox-Gesichter und die mit Pillen für ewige Jugend vollgestopften Körper?"

Quelle: RP
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