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NRW-Staatspreis
Der Uecker-Kosmos

NRW-Staatspreis: Der Uecker-Kosmos
Uecker, der mit seinen Nagelreliefs Weltruf genießt, hat sein Atelier seit Jahrzehnten in Düsseldorf. FOTO: dpa, fg jhe
Düsseldorf. Am Donnerstagabend hat der Düsseldorfer Künstler den NRW-Staatspreis erhalten. Sein Werk zeugt von großer Energie – und Poesie.

Der Nagel hat ihn berühmt gemacht, daher nennt man ihn salopp den Nagelkünstler. Seine Reliefs, dreidimensional und von poetischer Ausdruckskraft, schafft er aus Hunderten von Stahlstiften. Und die Preise auf dem Kunstmarkt sind explodiert. Die aus den 60er Jahren stammende Arbeit "Hommage à Paul Scheerbart" wechselte unlängst für 1,8 Millionen den Besitzer. Gestern wurde er mit dem Staatspreis NRW geehrt – eine Auszeichnung mehr für Günther Uecker, der in den rund 60 Jahren seines künstlerischen Schaffens mehrfach geehrt wurde, etwa mit dem Großen Bundesverdienstkreuz, dem Kaiserring der Stadt Goslar oder dem Orden Pour le Mérite für Wissenschaft und Künste.

Sonderlich interessiert ist er weder an Geld, Preisen noch an Kunstmarkt-Rekorden. Kunst ist sein Leben, und sein Leben ist Kunst. Eine Aufgabe, die den 85-Jährigen fordert und ausfüllt. Ein Anliegen, das ihn in den 1950er Jahren nach Düsseldorf getrieben hat, wo es ihn bis heute hält.

Kamelritt 1955 kam Uecker aus Berlin an den Rhein, begann sein Studium bei Otto Pankok an der Akademie. Er schuf sein erstes Nagelobjekt, traf auf Freunde wie Heinz Mack und Otto Piene, hatte seine erste Schau. Von hier aus nahm seine Karriere ihren Weg. 1976 wurde er Professor an der Kunstakademie, als neu berufener Lehrer ritt er mit Klaus Rinke auf einem Kamel in die Akademie ein. Sein Atelier und sein Haus stehen in Düsseldorf, wo er mit seiner Ehefrau Christine lebt, die ihn Uecker nennt.

Herkunft Uecker stammt aus Mecklenburg, von der Halbinsel Wustrow. 1953 wechselte er in den Westen, zunächst nach Berlin. Er kommt aus armen Verhältnissen in der Landwirtschaft. Als Kind lief er barfuß über die Stoppelfelder. Und er zeichnete so intensiv, dass sein Vater ihn für sonderbar hielt. Die Erlebnisse des Zweiten Weltkrieges haben ihn nachhaltig beeindruckt. Zum Schutz seiner beiden Schwestern und der Mutter vor den russischen Soldaten nagelte er als Junge die Hütte zu, in der sie lebten. Der Nagel hat eine existenzielle Bedeutung für ihn, die beschützende Aktion war eine Schlüsselerfahrung.

Nagel Die Nägel, die Uecker verwendet, kommen von weit her, sie müssen stark genug sein. Auf die Idee, den Bleistift durch den Nagel zu ersetzen, kam er früh. Die Graphitlinie auf Papier war ihm zu schwach für das, was er ausdrücken wollte. Also schlug er den Stift in das Papier ein. "So wird die Realität des Handelns bildnerischer Ausdruck", sagt er. Dass er den Nagel nahm, geschah intuitiv. Alles Mögliche hat er in seinem Leben vernagelt, Klaviere, Türrahmen, Kissen, Bäume, rote Tücher, Papier. Die wichtigsten Nagelarbeiten sind seine Reliefs. Fast in jedem Lebensjahr hat er seit den 1950ern eines geschaffen. Erstmals waren sie in der Chronologie ihrer Jahre in der Retrospektive Anfang des Jahres in Düsseldorf zu sehen. Uecker empfing die Werke, die zum Teil von weither angereist waren, wie alte Freunde. Er war berührt, denn manche hatte er Jahrzehnte nicht gesehen. Als er vor der Arbeit von 1962 stand, die er anlässlich des frühen Todes seines Freundes und Schwagers Yves Klein genagelt hatte, überkam ihn die Rührung. Die Nagelreliefs sind von dreidimensionaler Kraft, die Weite der Felder aus Ueckers Jugend glaubt man zu spüren und die geordneten Bewegungen, die der Ostwind auf den Halmen der Ähren hinterließ.

Vielfalt Uecker schafft Kunst auch ohne Nagel. Wo die Sprache versagt, beginnt das Bild, sagt er und zeichnet, malt, aquarelliert, schreibt, baut Räume, Objekte, Installationen. Er ist ein Performer, politisierend, paraphrasierend, antipropagandistisch, taucht seinen nackten Fuß in einen Eimer Farbe und geht im Kreis, setzt sich schwarz angemalt in einen Raum. Kunst ist Vergewisserung, sagt er, der auch Bühnenbilder gebaut hat. Manches Werk ist schräg gedacht, witzig, zärtlich, vielleicht auch unmöglich, selten angepasst, immer mit Mitteln geschaffen, die Uecker helfen, sich international zu verständigen. Fast in aller Welt stellt er aus, viele Länder bereist er und spürt den Menschen dort nach. Berühmt ist seine "Sandmühle" (1970), der Werkzyklus "Black Mesa" (1985) in Achtung vor den Navajo-Indianern, der auf Leinentücher aufgebrachte "Brief an Peking" (1994), das 30 Klangobjekte umfassende "Terrororchester", die kinetische Skulptur (1960/1980), der "Aschemensch" (1994), der als physische Reaktion auf das Unglück von Tschernobyl entstand, die "Verletzung des Menschen durch den Menschen", (1992–2015), 60 handschriftlich notierte Wörter, die von Wunden berichten.

Nackt Uecker hat ungeahnte Kräfte, wenn er nicht Künstler geworden wäre, wäre er, das vermutet er, sicher als Krimineller geendet. Er schöpft Energie aus seiner Erdung, arbeitet gerne nackt am Strand, an der Ostsee oder am Atlantischen Ozean. Auf dem Kopf trägt er dann einen lustigen Turban. Im Atelier sind nackte Füße Ausdruck seiner Körperlichkeit, meist trägt er nur eine weiße Latzhose bei der Arbeit.

1945 Das einzige Bild, das nie in einem Museum hängen wird, hat er in Erinnerung an ein schreckliches Jugenderlebnis in den Sand der Ostseeküste gemalt, wo es die Wellen überspülen, aber nicht auslöschen wird. Uecker hat toten Wesen – es waren befreite KZ-Häftlinge und ihre Wärter, die im Mai 1945 von dem bombardierten Schiff "Cap Arcona" angeschwemmt worden waren – ein Denkmal gesetzt. Mit zwei Freunden war Uecker von den russischen Soldaten angehalten worden, die schon verwesten Leichen im Sand zu verscharren. Eine Aktion, die ihm bis heute nachgeht.

Poesie Die Poesie wird mit dem Hammer gemacht. Diesen Gedanken des Dichters Majakowski macht sich Uecker zu eigen. Ein Werk ist Tagebucheintrag und Liebesbrief, gelungen, wenn es seine Wirkung nicht verfehlt. Ueckers Liebesbegehren bezieht sich auf Menschen.

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