Schließung von Einrichtungen: NRW-Städte ringen um ihre Kultur
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 27.01.2010 - 20:38Düsseldorf (RP). Etwa 14 Prozent der Kommunen in NRW sind so verschuldet, dass sie mit Sparhaushalten wirtschaften müssen. Oft wissen sie sich nicht mehr anders zu helfen, als auch kulturelle Einrichtungen wie Musikschulen, Theater, Bibliotheken zu schließen – mit gravierenden Folgen etwa für die Jugend.
Nun nimmt der Protest Gestalt an: Am Wochenende werden in Wuppertal Schauspieler gegen die Schließung ihres Hauses demonstrieren – indem sie Theater machen. 24 Stunden lang. Unterstützt von Kollegen aus der Region. Dazu wird es Demonstrationen geben und eine Diskussion unter dem Titel "Theater macht reich".
"Das ist nicht gegen die Stadt Wuppertal gerichtet", sagt Enno Schaarwächter, kaufmännischer Geschäftsführer der Wuppertaler Bühnen. "Wir verstehen ja, dass hochverschuldete Kommunen sparen müssen. Nichts wird bleiben, wie es war, das ist uns völlig klar. Aber wir möchten darauf aufmerksam machen, was hier auf dem Spiel steht." In Wuppertal heißt das konkret: Die Stadt kann sich die Sanierung ihres Schauspielhauses nicht mehr leisten, folglich ist ihr Schauspielensemble heimatlos. Außerdem soll es bis 2015 bei seinen Betriebskosten zwei Millionen Euro einsparen. Weil das schon die zweite Einsparwelle wäre – 2001 hatte man den Etat schon einmal stark gekürzt –, ist die Schmerzgrenze für das Schauspiel überschritten. "Theater wie bisher können wir dann nicht mehr bieten", sagt Schaarwächter, "das muss die Stadt wissen, wenn sie demnächst mit uns nach Konzepten sucht."
Wuppertal ist nur das drastischste Beispiel für das Dilemma der verschuldeten Kommunen: Sie sind gezwungen zu sparen – natürlich auch in der Kultur. Doch gerade, wenn sie Bibliotheken, Musikschulen oder ihre Theater schließen, verlieren sie unersätzliche Instrumente, um das Leben in ihren Gemeinden zu gestalten. Denn diese Einrichtungen dienen nicht nur der Unterhaltung, sondern etwa auch der Bildung und Integration.
Beispiel Duisburg. Nachdem in der Stadt allein die Einnahmen aus der Gewerbesteuer um 56 Prozent zurückgegangen sind, muss Duisburg nicht nur in der Verwaltung massiv Stellen streichen, auch Kultureinrichtungen stehen unter Druck. Die Musik- und Kunstschule etwa. Und damit die Zukunft von Erfolgsgeschichten wie dieser: Familie Kocaman stammt aus der Türkei. Tochter Sude (8) nimmt seit zwei Jahren Geigenunterricht, spielt im Orchester, besucht eine Schauspielgruppe. Leisten können sich die Kocamans das nur, weil der Unterricht an der öffentlichen Einrichtung noch erschwinglich ist. "Ich gehe arbeiten, damit wir unsere Tochter zur Musikschule schicken können", sagt Mutter Aysun Kocaman. "Ich mache das gerne, weil ich möchte, dass meine Tochter Anregungen bekommt und lernt, sich Ziele zu stecken." Integration durch Musik – bei den Kocamans ist das gelungen. Doch wie lange Sude noch zur Musikschule gehen kann, hängt ganz davon ab, wie lange sich Duisburg diese Einrichtung noch leisten kann.
Da klang es für viele zynisch, als Regierungspräsident Jürgen Büssow (SPD) kürzlich Einschnitte in das Kulturangebot wie die Pläne der Stadt Wuppertal, ihr Theater zu schließen, "mutig" nannte. "Herr Büssow macht sich nicht klar, was Theater nach innen für die Bürger, aber auch nach außen für die Attraktivität einer Stadt bedeutet", sagt dazu Rolf Bolwin, Direktor des deutschen Bühnenvereins. "Wie sollen Städte Profil gewinnen, wenn nicht über ihr kulturelles Angebot? Dafür kommen Menschen doch in eine Stadt – Bier trinken können sie auch zuhause."
Gerade die Theater seien oft die letzten Orte in einer Kommune, an denen Bürger ihr Leben und das ihrer Gemeinschaft reflektieren könnten – "und zwar nicht allein, im stillen Kämmerlein, sondern gemeinsam mit anderen, etwa in Auseinandersetzung mit einem Theaterstück", so Bolwin. Die Individualisierung in der Gesellschaft nehme immer stärker zu, da müsse sich die Öffentlichkeit doch fragen, welche Institutionen sie diesen Zentrifugalkräften entgegensetze.
Dem Argument, gerade die Kultur sperre sich gegen unumgängliche Sparmaßnahmen, hält Bolwin Zahlen entgegen. "Von den 45 000 Arbeitsplätzen an Theatern und in Orchestern in Deutschland haben wir in den vergangenen 15 Jahren 7000 abgebaut", so Bolwin, "in keiner Branche sind so viele Tarifverträge mit Gehaltsverzicht abgeschlossen worden wie an Bühnen, am Sparwillen unter Kulturschaffenden mangelt es also nicht."
Das ist auch die Erfahrung des Oberhausener Kämmerers. "Wir konnten unser jährliches Defizit von etwa 193 Millionen Euro auf 178,7 Millionen Euro drücken – auch, weil die Kultur hervorragend mitgearbeitet hat", sagt Bernhard Elsemann. Die Stadt hat etwa ihren Bibliothekbus abgeschafft und mit dem Theater vereinbart, dass dessen Zuschuss bis 2012 um eine Million Euro gesenkt wird. "Aber natürlich sind irgendwann Spargrenzen erreicht, darunter kann das Angebot nicht mehr stimmen", sagt der Kämmerer. Dann akzeptiere man, dass es von der Herkunft abhänge, welche Bildungs- und Entwicklungschancen Menschen hätten. Die Kommunen allein könnten diese Entwicklung nicht aufhalten, es sei am Bund, über eine Neuverteilung von Lasten und Einnahmen nachzudenken. "Unser Kernproblem ist, dass die Kommunen immer mehr soziale Ausgaben schultern müssen, währen ihre Einnahmen etwa aus Einkommen- und Gewerbesteuer gerade nach der Krise zurückgehen."
So machen die Einschnitte in der Kultur jetzt nur greifbar, was ein lange gärendes Problem ist. Doch ist ein Theater, eine Oper, eine Musikschule erst einmal geschlossen, holt diese Einrichtungen so leicht niemand mehr zurück.
Davor warnen Menschen, die die kulturelle Entwicklung dieses Landes lange begleitet haben. Josef Krings etwa, langjähriger Oberbürgermeister Duisburgs: "Kulturpolitik in den Kommunen ist so wichtig, weil es dabei um die Menschen geht", sagt er. "Kultur vermittelt die humane Botschaft, ohne Gewalt miteinander zu leben. Wer Kultureinrichtungen schließt, lässt auch diese Botschaft verstummen."
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