"Übertitelungsanlage": Operntexte künftig im Sessel?
VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 05.10.2009 - 07:32Berlin (RP). Das Problem ist so alt wie die Oper selbst. Der normalsterbliche Opernbesucher will natürlich die wundervolle Musik hören, aber er will auch wissen, warum Rodolfo im dritten "La Bohème"-Akt so sauer auf Mimi ist oder wie die Gräfin in Mozarts "Figaro" ihrem Gatten ein Schnippchen schlagen will. Das gelingt ihm, wenn er die Handlung vorher im Opernführer nachgelesen hat. Oder wenn er die Singtexte in deutscher Übersetzung auf der Übertitelungsanlage im Opernhaus verfolgt.
Das Wort "Übertitelungsanlage" beschreibt die ganze Mühsal des Systems. Meist sind die Übersetzungen oben über dem Bühnenportal zu lesen, wo sie mehr oder weniger wortgetreu die Arien und Rezitative der Sänger in deutscher Sprache abbilden. Im Laufe der Oper leidet die Konzentrationsfähigkeit merklich. Kopf rauf zum Text, Kopf runter Richtung Bühne, rauf und runter – das stört jede Versenkung und Hingabe.
Nun haben mehrere Opernhäuser wie die Komische Oper in Berlin ein neues System installiert: JederBesucher kann den Text auf einem kleinen Bildschirm im Sessel des Vordermanns mitlesen. Die 1190 Sitze der Komischen Oper Berlin können auch einzeln adressiert werden, um zum Beispiel Gruppen oder Ehrengäste individuell zu begrüßen: "Schönen guten Abend, Frau Bundeskanzlerin". Sie sind zudem grafikfähig und damit in der Lage, beispielsweise Logos abzubilden. Darüber hinaus kann der gesungene Text in bis zu zehn Sprachen gleichzeitig vom Zuschauer abgerufen werden.
Der Orthopäde wird über diese Möglichkeit zunächst jubeln, der Augenarzt ist vielleicht nicht so froh. Das Auge wird ja gezwungen, seine Sehschärfe fortwährend auf Weite, dann wieder auf Nähe, dann wieder auf Weite zu justieren; diese Fähigkeit des Auges nennt man Akkomodation. Gerade ältere Leute haben aber Mühe, diese Scharfstellung des Blicks so schnell hinzubekommen, wie das bei Opern mit erhöhtem Sprechtempo (denken wir an Rossini!) nötig ist. Kleine Leute mit Gleitsichtbrille werden vermutlich das Problem bekommen, dass sie dauernd den Kopf in den Nacken schieben müssen, weil sich die Schriftleiste eben nicht auf Knie-, sondern auf Augenhöhe befindet.
Die Moderne ist aber nicht aufzuhalten, und so wird es wohl schon in ein paar Jahren möglich sein, die Höhe der Einblendungen so zu verstellen, wie man das beim Autolenkrad kann; und gewiss werden sich auch die Schriftgrößen modifizieren lassen können.
Die Frage ist nur: Wie informiert sich die gut zahlende erste Reihe?
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