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Bayreuther Festspiele
"Parsifal" – eine deutsche Zeitreise

Bayreuther Festspiele: "Parsifal" – eine deutsche Zeitreise
Der britische Tenor Christopher Ventris als Parsifal FOTO: AP, AP
Bayreuth (RP). Das Publikum der Bayreuther Festspiele jubelte enthusiastisch: Stefan Herheims frische Neuinszenierung von Richard Wagners "Parsifal" traf den Nerv der Zeit. Dirigent Danielle Gatti verschleppte allerdings die Tempi. Von Wolfram Goertz

Das Publikum der Bayreuther Festspiele ist nicht kompetenter als andere auch, aber bisweilen geriert es sich wie der Internationale Gerichtshof. Es kann die Delinquenten – oft Regisseure, aber auch Dirigenten und Sänger – mit großer Geste freisprechen oder grausam in Grund und Boden buhen. In diesem Jahr stand den Bayreuth-Pilgern der Sinn nach einem wolkenlosen Jahrgang, nicht nach Blutopfern. Stefan Herheim, Regisseur des neuen "Parsifal", stieg wie Ikarus aus der Asche der alten Schlingensief-Inszenierung auf.

Herheim hat das Bühnenweihfestspiel mit fast pennälerhaftem Ungestüm auf drei Gleise gesetzt: ein psychoanalytisches, ein nationalhistorisches und ein familienkritisches. Auf der Bühne läuft ein Bub im Matrosenanzug umher, der mit einem Schaukelpferdchen spielt und sich vor Frauen fürchtet, vorzugsweise der eigenen Mutter. Er ist der kleine Parsifal, der das Märchen seines Lebens träumt. Dieses Märchen spielt im Bayreuther Haus Wahnfried, dessen Personal, die Gralsgesellschaft, mit Schwanenflügeln befiedert ist. Es können aber auch die Schwingen des Reichsadlers sein, das weiß man hier nicht so genau, weil Herheim die Bilder fortwährend umdeutet, die Erzählebenen umbaut oder gleich einreißt.

Der zentrale Spielort ist ein Bett. Es ist Krankenlager, Debattiersofa, Vermehrungsstation, Fallgrube und sogar atmungsaktiver Sarg. Wer hier liegt, sollte genau beobachtet werden. Kann sein, dass er schon in wenigen Sekunden nicht mehr drin liegt. In Bayreuths altertümlich anmutendem Tempel ist ein technisch topmodernes Stellwerk eingebaut, das unablässigen Verwandlungszauber ermöglicht, auch im Liegen.

Das Ambiente ist zutiefst deutsch, doch geistvoll umspielt. Der Norweger Herheim, unlängst zum "Regisseur des Jahres" gewählt, macht sich ein Vergnügen darin, deutsches Wohl und Wehe zwischen 1871 und 2008 in Heike Scheeles Ausstattung als launigen Bilderbogen abzubilden. Gralsburg, Blumengarten, romanische Kathedrale, maurische Ornamente, stilisierter Wahnfried-Innenhof; Amfortas als wilhelminischer Christus, Klingsor als Bösewicht in Strapsen, Kundry als strenge Amme, dann als Winifred Wagner; die Ritter als Weltkriegssoldaten, dann als Bundestagsabgeordnete; die Blumenmädchen als Krankenschwestern, dann als SS-Schwadron unter dem Hakenkreuz – für Herheim ist kein Symbol zu schwach, keine Assoziation zu abgegriffen.

Sein "Parsifal" wurde in Bayreuther Brunnenwasser gebadet, schmiegt sich in König Ludwigs Hermelin, setzt sich die Kaiserkrone auf, erstarrt vor den Ledermänteln der Waffen-SS, um dann ungeduldig vor den Bonner Bundestag zu treten. Am Ende wirft eine riesige Disco-Weltkugel Licht in den Zuschauerraum, und im Spiegel sehen wir uns selbst. Das ist ein bisschen sehr allerweltshaft.

Streng wird man diese Zeitreise nicht nennen können, Puristen werden das Überangebot an Metaphern und ortsüblichen Regie-Zitaten zu Recht beanstanden. Details will man aber gar nicht genau wissen, denn keiner im Saal, der sich aus Herheims Vitrine nicht immer mal wieder anfunkeln ließe. Gerade in dieser Bedien-Mentalität liegt das Glück des Abends, weil eine überwältigend präzise Personenführung die Inszenierung vom bloß Dekorativen abschirmt. Die Collage, genau gearbeitet, wird zur raumzeitlichen Spannklammer, die das naive Märchen mit der rassigen Chronik vereint.

Rassig ist Wagners "Parsifal"-Musik natürlich nie, aber man kann sie auch ins Unerfreuliche dehnen. Danielle Gatti am Pult des mäßigen Festspielorchesters setzt auf lastende Tempi und ziemlich onkelhafte Erzählfreude. Womöglich war es dem Italiener um romantische Sublimierung zu tun, um das Erhabene, in Prozessionen des Klangs ausgebreitet. Aber weder die Rezitative noch die großen Orchesterzwischenspiele erreichten diesmal Majestät oder inneren Glanz.

Bei den Sängern imponierte Detlef Roth als Amfortas, der die Partie als einen einzigen Liederabend begriff. Christopher Ventris gab einen souveränen Parsifal, Kwangchul Youn einen balsamischen Gurnemanz. Mihoko Fujimura (Kundry) blieb wegen Timbre und spitzer Spitzen nicht sonderlich in Erinnerung. Der Chor orgelte sich ziemlich vibratoreich durch den Abend.

Egal: Der Beifall für Herheim erreichte neue Spitzenwerte auf der örtlichen Richter-Skala. Er dürfte sich beflügelnd auf die Zukunft Bayreuths auswirken – und er verneigt sich vor der Vergangenheit. Denn wer hat Herheim engagiert? Wolfgang Wagner, der nach diesem seinem Bayreuther Sommer, seinem letzten, abtritt.

Quelle: RP
 
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