Der Regisseur im Interview: Peymann - immer ein Theaterfest
zuletzt aktualisiert: 11.09.2007 - 21:21Bochum (RP). Claus Peymann klagt, dass an den Schauspielschulen nur noch „Regiemarionetten“ ausgebildet werden, fordert eine Ausbildungsabgabe des Fernsehens an die Theater - und glaubt unverbesserlich daran, dass das Theater die Welt verbessern kann.
Claus Peymann ist in diesem Jahr der Schwerpunkt „Werk“ der Ruhr-Triennale gewidmet. Darum ist der langjährige Intendant des Bochumer Schauspielhauses und jetzige Chef des Berliner Ensembles mit drei Inszenierungen ins Ruhrgebiet zurückgekehrt. Ein Gespräch über den naiven Theatermacher Peymann und die Macht des Theaters.
Zurück in Bochum - werden Sie da wehmütig?
Peymann Wehmut ist meine Sache nicht, ich bin ein Augenblicksmensch. Bochum war ’ne tolle Zeit, und die ist jetzt vorbei. Wir waren fast ein Jahrzehnt das beste Stadttheater Europas, aber jetzt liegen 13 Jahre Wien dazwischen, acht Jahre Berlin, ich bin jetzt auf ganz anderen Spuren. Mir liegt das Rückblicken einfach nicht.
Der Ruhr-Triennale schon, darum hat sie Szenefotos aus Ihrer Bochumer Zeit in die Jahrhunderthalle gehängt. Welche Überschrift würden Sie darüber setzen?
Peymann Oh, das weiß ich nicht. Aber es gibt einen Grundimpuls meiner Arbeit: Ich lüge mir immer wieder vor, das Theater könne die Welt verbessern, es könne Ersatz sein für eine Politik, die ohne Vision nur den Augenblick verwaltet. Ich gebe mich der schönen Illusion hin, dass das Theater zur Erziehung des Menschengeschlechts beiträgt.
Eigentlich glauben Sie also nicht an die Wirksamkeit des Theaters?
Peymann Man kann umgekehrt die Frage stellen: Wie wäre die Welt ohne Theater, ohne Bach, ohne Beuys? Dann kann man doch sagen, sie wäre bestimmt ärmer - ob sie schlechter wäre, weiß ich nicht.
Was wäre die Welt ohne Peymann?
Peymann Mir sagt man immer eine gewisse Kindlichkeit, Naivität, Blauäugigkeit nach und wirft mir vor, dass meine Inszenierungen nicht in der Feierlichkeit enden, sondern immer im Fest. Ich bemühe mich um Ernst, aber am Ende werden meine Stücke - bildlich gesprochen - dann eben doch Mozart, nicht Brahms, nicht Bruckner.
Und was verdankt die Theaterwelt diesem Naiven?
Peymann Ich habe sehr viele, sehr gute Schauspieler entdeckt. Wenn man sich die Liste aus Bochum durchliest, sieht man nur Namen, ohne die Film und Fernsehen heute gar nicht existieren könnten. Darum finde ich auch, dass das Fernsehen sich endlich an den Kosten für die Ausbildung dieser Leute beteiligen sollte. Wir entdecken junge Talente, bilden sie aus, und dann kann das subventionierte Fernsehen mit Riesengagen winken und schnappt uns die Leute weg. Das ist ein unglaublicher Missstand!
Sie fordern also eine Ausbildungsabgabe des Fernsehens ans Theater?
Peymann Genau, an die Theater und die Schauspielschulen, da liegt nämlich einiges im Argen.
Was?
Peymann Ich sehe seit 20 Jahren alle Absolventen der einschlägigen Schauspielschulen und kann sagen, es ist erschreckend, dass nur noch Regiemarionetten ausgebildet werden. Keine Schauspieler mehr, die sich auf die Suche nach einem Menschen begeben, seine Psyche erkunden wollen. Es geht nicht mehr um Qualität, um Rigorosität, nur noch um die Verkaufe, um den schnellen Kick. So rückt das Theater immer mehr an den Rand - und ist das selbst schuld.
Liegt die Zukunft denn bei texttreuen Inszenierungen wie Peter Steins zehnstündigem Wallenstein, den er mit Hilfe Ihres Hauses verwirklichen konnte?
Peymann Das europäische Theater beruht auf dem Text. Nun hat der Stein altmeisterlich, als Monarchist und Weltregisseur, seine Inszenierung des „Wallenstein“ wie eine Mauer gegen eine sich selbst immer wieder auflösende Theaternarrheit gestellt, als Monument, als Traumschiff in diesem kriminellen Berliner Stadtteil Neukölln. Das ist eine ganz erstaunliche Leistung, wie dort dieser Text entsteht, wie ein Wunder.
Sollten sich junge Theatermacher, die nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten suchen, also daran ein Beispiel nehmen?
Peymann Ach, sollen die jungen Theaterleute doch dauernd nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten suchen! Der Stein ist ja kein junger Theatermann, und ich auch nicht!
Aber als Reaktionär galten Sie bisher auch nicht gerade.
Peymann Das hat nichts Reaktionäres. Ich wehre mich nur dagegen, dass das Theater sich an die Fernseh- und Videoclipästhetik anlehnt, statt auf die eigenen Stärken zu vertrauen. Das Theater muss die Geduld haben, seine eigene Zeit zu setzen, muss eine Geschichte in aller Ruhe erzählen, das Schweigen ertragen. Eine „Emilia Galotti“ am Deutschen Theater in 75 Minuten ist für mich Reader’s Digest, das ist bloß Verschnitt.
Dorothee Krings führte das Interview.
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