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Keine leichte Kost: Phänomenal: Katharina Hacker

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 12.01.2007 - 14:31

Düsseldorf/Berlin (RP). Seit Wochen hält sich die Berliner Autorin mit ihrem Roman „Habenichtse“ weit oben in der Bestsellerliste. 200.000 Exemplare wurden schon verkauft, das Ausland ist interessiert. Dabei ist ihr Buch keineswegs leichte Kost.

Katharina Hacker: Nach etlichen Wochen steht das Buch zurzeit immerhin noch auf Platz 5.  Foto: ddp
Katharina Hacker: Nach etlichen Wochen steht das Buch zurzeit immerhin noch auf Platz 5. Foto: ddp

Ein Neugeborenes ist anstrengend - literarischer Erfolg auch. Und wenn beides aufeinander trifft, werden E-Mails wie diese verschickt: „Die Tage rennen und rennen, und plötzlich huscht etwas aus dem Kopf heraus, dieweil mir doch mal etwas einfällt zum Schreiben oder weil das Kind juchzt oder quengelt oder weil ich so müde bin, dass mir die Augen zufallen.“

Noch immer scheint Katharina Hacker von all dem Rummel überwältigt; sie wirkt auf angenehme Weise unvorbereitet, wie jemand, den man beim Schreiben ertappte. Dabei gibt es von ihr schon fünf Werke, allesamt bei Suhrkamp erschienen. Hacker ist somit eine Hausautorin mit allen Rechten der alten Bewohnerin. Das Suhrkamp-Haus ist nach wie vor eine große Adresse. Dort wird das Gütesiegel für Literatur vergeben, allerdings keine Plaketten mehr mit Erfolgs-Garantie.

Das musste auch Katharina Hacker erleben, die zunächst nicht einmal mit ihrem jüngstem Buch vom Frühjahr des vergangenen Jahres triumphierte. „Habenichtse“ war trotz hymnischer Rezensionen ein mäßig gefragter Roman, erst im Oktober lernte er mit dem Deutschen Buchpreis das steile Klettern auf der Bestsellerliste.

„Kehlmannisierung“ entzaubert

Für ein paar Wochen schien mit Katharina Hacker sogar die „Kehlmannisierung“ der deutschen Literatur entzaubert zu werden. Plötzlich waren die „Habenichtse“ Spitzenreiter. Nach etlichen Wochen steht das Buch zurzeit immerhin noch auf Platz 5 (vor Forsyth, Harris und Pamuk), eine stolze Platzierung für einen einjährigen Roman. Oben thront wieder Daniel Kehlmann mit seiner „Vermessung der Welt“.

Hackers Erfolg - Suhrkamp gibt die Auflage mit 200000 Exemplaren an sowie Lizenzverkäufe unter dem englischsprachigen, aber banal klingenden Titel „The Have nots“ - bleibt erstaunlich. Die junge Berlinerin, 1967 in Frankfurt am Main geboren, ist kein forsches Fräuleinwunder, sondern nimmt zu ihrer Umgebung behutsam Kontakt auf. Ihre Bücher haben nichts Gefälliges, leicht und schnell Konsumierbares. Hackers Literatur ist anstrengend, der Einstieg oft eine Mühsal: „Ich bin der Bademeister, ich habe nie viel gesprochen. Das Schwimmbad ist geschlossen. Seit Wochen steht das Gebäude leer.“ Wer danach im „Bademeister“-Roman aus dem Jahr 2000 weiterliest, der packt auch Kafka für den Strandurlaub ein.

Natürlich wird der Leser für alle Mühsal entschädigt. Hackers Bücher lehren das langsame Lesen, verraten den Unersättlichen, dass manchmal auch zehn Seiten am Tag ausreichen, die Geschichte mit durch den Tag nehmen zu können. Wie etwa das Schicksal der „Habenichtse“: der jungen Deutschen Jakob und Isabelle, die des Jobs wegen nach London ziehen, die sich dort bedroht fühlen und sexuelle Obsessionen erfahren, die vor allem stets fremd bleiben - in London und anderswo. Ein Leben unter einem dunklen Schleier, eine pathologische Geschichte.

Generationenbuch

Man hat diesem somnambulen Roman bald das Etikett des Generationenbuchs aufgeklebt. Vielleicht stimmt das, vielleicht ist es aber auch nur ein Versuch, das existenziell Unbehauste flugs auf die Generation der heute 40-jährigen zu übertragen. So etwas macht Romane weniger gefährlich.

Natürlich sind Hackers Geschichten auch Hackers Geschichte. Woraus sollen Autoren schon schöpfen, wenn nicht aus ihrem Leben, ihren Erfahrungen? Das führt bei Hacker, die neben Philosophie und Geschichte auch Judaistik studierte, oft und zentral nach Israel. Dort hat sie zu schreiben begonnen, sagt sie. Im Judentum findet Hacker Motive, Ankerplätze fürs Denken und geistige Väter. Einer von ihnen ist der Historiker Saul Friedländer, der die Nazi-Zeit überlebte und dem sie ihren Roman „Eine Art Liebe“ (2003) widmete.

Katharina Hacker arbeitet langsam, schreibt eine Seite am Tag. Mag sein, dass dies der Takt ist, der ihrer Sprache Ruhe und Sicherheit gibt. Die Suche nach schiefen Metaphern in ihren Texten jedenfalls ist nicht sehr aussichtsreich. Mit Philippa, der kleinen Tochter, hat sich der Rhythmus geändert. Ein kleiner Mensch verlangt unverdrossen Aufmerksamkeit. Dazu kommen verstärkt das Briefeschreiben, die Mails und Telefonate. Obwohl: „Ich habe zuvor schon gehadert, wenn es allzu viele Telefonate zu führen gab, das ist noch immer so...“

Manchmal stört der Erfolg, manchmal nicht. Als im Oktober „Habenichtse“ zum besten deutschen Roman gewählt wurde, strahlte Katharina Hacker - mit Philippa auf dem Arm. Später wurde daheim am Küchentisch mit den Konkurrenten Ingo Schulze und Thomas Hettche gefeiert, die lorbeerlos geblieben waren.

Zum Phänomen Katharina Hacker zählt auch, dass sie misstrauisch bleibt und dem Beifall aufmerksam lauscht. Er hat sie nicht korrumpiert. Ihr neues Buch, das im Herbst kommen soll, scheint kein Kandidat für die Bestsellerliste zu sein. Es soll ein Band mit Prosagedichten werden.


 
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