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Finanzkrise: Quelle-Katalog – ein Kulturgut

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 10.07.2009 - 07:34

Düsseldorf (RP). Dieses Buch braucht keine Werbung, keine Hymnen oder Verrisse. Denn die 1347 Seiten sind schon vor der Auslieferung ein Megaseller – mit einer Auflage von neun Millionen Exemplaren! Und auch sein aktueller Titel atmet Grundlegendes: "Tausend Wünsche. Eine Quelle". Es ist die Herbst-Winter-Ausgabe 2009/10 des Fürther Versandhauses, deren Auslieferung ins Stocken geraten ist, weil alle auf die Freigabe des Staatskredits von 50 Millionen Euro warten.

Finanzkrise hin, Finanzkrise her – der Katalog zählt eigentlich zu den Unsterblichkeiten unseres Alltags und zu den wenigen Hinterbliebenen umfassender Druckwerke: Nach den Untergängen von Enzyklopädien, Telefon- und Kursbüchern kündet der Quelle-Hauptkatalog noch von einer Zukunft aus Papier. Und die ist teuer: 15 Euro inklusive Versand soll ein Exemplar das Haus kosten.

Sicher, auch beim Versandhaus hat das Internet erhebliche Bedeutung erlangt; über die Hälfte des Umsatzes wird mittlerweile online erzielt. Doch ist das fünf Pfund schwere Hochglanz-Ungetüm ein unabdingbarer Stimulus fürs gesamte Geschäft. Der Katalog, so heißt es aus der Konzern-Zentrale, ist zwar nicht alles, aber ohne den Katalog ist alles nichts.

Denn im Vergleich zum Internet ist der Katalog eine Art vertrauensbildende Maßnahme. Während im Netz Verkaufspreise manchmal nur bis zum nächsten Klick gelten, verspricht das Quelle-Werk eine sechsmonatige Preisgarantie. Eine kleine Ewigkeit, in der der Katalog daheim altern kann, Seite für Seite etwas abgegriffener wird, knittriger und bekritzelter. Vielleicht wird er sogar zum guten Freund, der griffbereit im Bücherregal steht und mit seinen ungezählten Farbbildern für die noch Leseunkundigen ein unerschöpfliches Bastelreservoir ist.

Auffallend: Fast immer herrschen im Quelle-Katalog stürmische Zeiten. Die blonden Haare der Models wehen in den Ausläufern der Windmaschine, die Männer – Typ Schwiegersohn und ganz normaler Alptraum eines jeden Mittvierzigers – sind oft in dynamischer Schräglage. Man staunt still über Produkte wie Perücken (wer bestellt so etwas?), und auch die drei Seiten "Erotika" treffen den Arglosen unvorbereitet. Noch eine Seite zuvor wurde Schmerzgel von Voltaren offeriert, hinter dem Ü-18-Bereich warten seitenweise Einbauküchen. Das Buch lehrt: Die Welt des Konsums ist bunt und bei 70 000 Artikeln bisweilen kunterbunt.

An intellektueller Begleitung hat es dem Katalog nie gemangelt. Als eine Bibel des Zeitgeistes war er früh erkannt, die die Wirtschaftswunderjahre auf säkulare Weise beseligte. So viel gab es plötzlich zu kaufen – und so modern ging es dabei zu. Denn was die Verkaufsprofis so kühl Distanzhandel nennen, war nichts anderes als eine frühe Form anonymisierten Konsums. Der Katalog war praktisch das Internet der Nachkriegszeit.

Das schmeckte denen nicht, die im Volk lieber Kreative als Verbraucher sehen wollten. Aber wenn Hans Magnus Enzensberger 1960 den Versandhauskatalog zur "kleinbürgerlichen Hölle" verdammt, so verkennt der vorrevolutionäre Denker, dass im Vorgang von Bestellung und Warenlieferung nichts Proletarisches durchschimmert, sondern eher etwas Fürstliches – in Quelles Rolle als demokratischer Hoflieferant.

Jedoch bleibt bedenkenswert, dass Ethnologen, so Enzensberger, im Jahr 3000 aus dem Katalog fruchtbarere Schlüsse auf unsere Zustände ziehen könnten als aus der gesamten erzählenden Literatur. Mag sein. Aber welchen zivilisations-historischen Stellenwert bekommt dann erst das aktuelle Insolvenzverfahren unserer Quelle?

Quelle: RP

 
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