Ägypten will Nofretete wiederhaben: Rückgabe ausgeschlossen
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 22.12.2009 - 11:08Berlin (RP). Ägypten fordert die Rückgabe der berühmten Nofretete-Büste. Deutsche Archäologen sollen 1913 falsche Angaben bei der Ausfuhr gemacht haben. Eine Rückgabe aber sei ausgeschlossen, heißt es in Berlin.
Die Büste der legendären Pharaonin soll zurück in deren Heimat. Ein Grund: Als die 3300 Jahre alte Skulptur 1913 nach Deutschland ausgeführt wurde, sollen die Archäologen absichtlich falsche Angaben gemacht haben, um den Wert ihres Fundes herunterzuspielen.
Sie ist die ewige Miss Germany mit Migrationshintergrund: Nofretete. Schon der Klang ihres Namens ist Zauber, und der Wortsinn liefert eilfertig seinen Teil hinzu: "die Schöne ist gekommen". Das könnte man durchaus national auslegen und im Namen bereits die Bestimmung ihrer Wanderschaft erkennen: dass nämlich die 3300 Jahre alte Büste der ägyptischen Hauptgemahlin von Pharao Echnaton tatsächlich nach Berlin sollte und ihre Überführung durch den deutschen Ausgrabungsleiter Ludwig Borchardt 1913 schon im Namen hinterlegt ist.
Rückgabe-Antrag angekündigt
Das sehen die Ägypter naturgemäß anders; sie haben nun in der Person Sahi Hawass' – er leitet die ägyptische Altertumsbehörde – angekündigt, demnächst einen offiziellen Antrag auf Rückgabe der Nofretete zu stellen. Solche Anliegen gab es zwar immer mal wieder, jetzt aber steht es ernst um unsere Schönste. Denn aus Dokumenten des Neuen Museums zu Berlin geht nach Hawass hervor, dass die Entdecker der Büste falsche Angaben zum Fund machten, um dessen Bedeutung möglicherweise bewusst herunterzuspielen. Das wäre eine Art absichtlicher Betrug und – neben der allgemeinen Kritik am einstigen Kultur-Kolonialismus – ein weiteres Argument in den Händen des Herkunftslandes.
Die Debatte um den Verbleib der Königin bewegt die Menschen, weil es in ihr nicht allein um die ohnehin schwer zu benennende wissenschaftliche Bedeutung geht. Nofretete scheint die Menschen auf sehr eigene Weise zu verzaubern, wovon der Erkrather Unternehmer Hasso von Blücher sein Liedchen singen kann. Vor der Eröffnung des Neuen Museums vor gut zwei Monaten gewährte man ihm 30 Minuten, allein vor Nofretete ohne Glashaube zu sitzen. Eine Begegnung voller Verwandlungen: lieblich und herb sei sie gewesen, freundlich und spöttisch, anrührend und arrogant. Keine Frage, die Ägypterin hat den Betrachter angefasst und nicht mehr losgelassen. Seither hat er eine eigene Begründung dafür gefunden, dass der Künstler damals das zweite Auge der 47 Zentimeter hohen Büste nie eingesetzt hat: "Der Betrachter wäre vielleicht verrückt geworden."
So aber sind die Menschen nur verzaubert, über 4000 sind es täglich, die in dem mächtigen Kuppelraum auf der Museumsinsel der Hübschheit ihre Aufwartung machen. Der Saal ist längst zum Pantheon edler Schönheit geworden. Und die auf diesem ästhetisch aufgeladenen Feld tätigen Kulturforscher glauben gar, dass Nofretete ein eigenes Weiblichkeitsideal verantwortet – eben jenes der kühlen, verführerischen und herrscherlichen Frau. Asta Nielsen und Hildegard Knef werden als Paladine dieses Typs gern genannt.
"Das ist doch selbstverständlich"
Naht also jetzt die trübgraue Zeit, in der wir uns mit jenen kitschigen Nofretete-Büsten begnügen müssen, die im Internet auf "Pharaonenland" ab 9,90 Euro angeboten werden? Aus Berlin kommt dazu ermutigende und ausnahmsweise einhellige Kunde: "Nofretete bleibt in Berlin, das ist doch selbstverständlich", so Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen in Berlin.
Und am Montag legte die Direktorin des Ägyptischen Museums noch einmal nach mit dem amtlich klingenden Vermerk, dass der Nofretete-Erwerb durch den preußischen Staat vom Januar 1913 "rechtmäßig" gewesen sei – dies belegten jene Dokumente zur Fundteilung der Grabung der deutschen Orientgesellschaft.
Daneben dürfen drei weitere Gründe für den Verbleib nicht unerwähnt bleiben: Erstens wird die Königin in Ägypten klanglich sehr unfein "Nefertiti" genannt. Zweitens ist Nofretete nach Experten-Auskunft keineswegs transportfähig, da die Kalksteinbüste sehr inhomogen sei, zudem "vibrations- und berührungsempfindlich".
Und außerdem – das schließt die vielen Bewunderer ein – lässt man Geliebte nie und nimmer ziehen.
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