Neues Museum in Berlin: Schatzkammer der Kulturgeschichte
VON FRANK DIETRSCHEIT - zuletzt aktualisiert: 16.10.2009 - 08:04Berlin (RP). Nach 70 Jahren wird das Neue Museum in Berlin heute wiedereröffnet. Nofretete ist der Star. Die jahrzehntelang in alle Winde verstreuten Schätze des Ägyptischen sowie des Museums für Früh- und Vorgeschichte sind wieder an ihrem ursprünglichen Platz.
Hier oben sollte sie eigentlich stehen: die geheimnisvoll lächelnde Nofretete. Am Ende der riesigen Treppe, die aussieht wie der Eingang zu einem Pharaonengrab. Eine Showtreppe, nur für sie, den Star des Neuen Museums, das zu Kriegsbeginn geschlossen wurde und nun wiedereröffnet wird. Für Nofretetes schützende Vitrine war an der Treppe schon alles vorbereitet. Doch dann entschied man sich anders. Zwar ist die Eingangshalle aus rohen Ziegelwänden sowie der langgezogene Aufstieg, den der britische Architekt David Chipperfield nach Plänen des preußischen Baumeisters Friedrich August Stüler wiederherstellte, ein grandios archaischer Raum. Aber die zarte Nofretete hätte inmitten dieser wuchtigen Architektur untergehen können. Deshalb hat sie jetzt einen Raum für sich. Alle Wege führen zur schönen Pharaonin.
70 Jahre war das Neue Museum geschlossen. Von Fliegerbomben und Artilleriebeschuss schwer in Mitleidenschaft gezogen, wurde der 1855 eingeweihte Kunsttempel auf der Berliner Museumsinsel nie wieder eröffnet. Pläne zur Restaurierung entstanden erst nach der politischen Wende und mit dem "Masterplan" zur Rettung des Weltkulturerbes. Die jahrzehntelang in alle Winde verstreuten Schätze des Ägyptischen sowie des Museums für Früh- und Vorgeschichte sind wieder an ihrem ursprünglichen Platz. Eine Schatzkammer der Kulturgeschichte nimmt Gestalt an, mit der Eröffnung ist die Museumsinsel wieder komplett. Die Freude könnte unermesslich groß sein. Doch einige Kritiker wollen keine Ruhe geben. Das von Chipperfield durchgesetzte Konzept der "historische Ehrlichkeit", das Kriegswunden nicht überdeckt, sondern konserviert und mit zeitgenössischen Elementen kombiniert, ist der "Gesellschaft Historisches Berlin" noch immer ein Dorn im Auge. Die Gewölbe ohne klassischen Zierrat, Wände ohne glättenden Putz. "Ergänzende Wiederherstellung" nennt Chipperfield sein Konzept. Die "Widerstandskämpfer" verspotten ihn dafür. Doch man nimmt ein aufregendes Baukunstwerk in Augenschein, das die üppige Fülle eines Stüler mit der kargen Strenge der Moderne vereint. Die Vielfalt des Baus ist so überwältigend wie die klug arrangierten Kunstschätze. Es gibt beeindruckende Blickachsen und Verbindungen zwischen den Zeiten. Die Kunst steht im Vordergrund, nicht die Vermittlung von Wissen. Knappe Objektbeschreibungen statt langer Texte. Audioführungen geben kompakte Zusammenhänge. Fast 9000 Exponate auf drei Etagen und 8 000 Quadratmetern Fläche. Highlights neben der Büste von Nofretete sind der Schädel des Neandertalers von Le Moustier (ca. 45 000 v. Chr.), der Berliner Goldhut (12-9. Jh.v.Chr.), der Grüne Kopf eines ägyptischen Priesters (um 350 v.Chr.), die Bronzestatue des Xantener Knaben (1. Jh.n.Chr.) und die Kolossalstatue des Helios, der die Göttin Isis-Fortuna anlächelt (2. Jh.n.Chr.): Ein in ihrer marmornen Schönheit entrücktes Paar.
Ein geladener Gast wird heute übrigens fernbleiben: Zahi Hawass, der Chefarchäologe Ägyptens meint, "dass die Nofretete Ägypten 1913 illegal verlassen hat". Er hat ein Komitee gebildet, das alle Dokumente des umstrittenen Kunsttransfers auswertet. Dem Neuen Museum steht vielleicht noch diplomatischer Ärger ins Haus.
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