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Philosophen-Serie (6): Schopenhauer – der große Pessimist

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 04.01.2010 - 07:49

(RP). Er zählt zu den großen Predigern unter den deutschen Philosophen: Arthur Schopenhauer (1788–1860). Nach ihm wird der Mensch hauptsächlich durch den blind wütenden Willen bestimmt. Der kommt nur kurz zur Ruhe – in den Begegnungen mit dem Schönen und Erhabenen.

Was für ungeheuerliche Gedanken sind das, die mit Arthur Schopenhauer in die Welt kommen: Wir werden geboren, ohne gefragt worden zu sein. Aber kaum, dass wir zu denken gelernt haben, sind wir mehr oder weniger dazu verurteilt, den eigenen Tod zu denken. Überall regieren der Kampf und die Zerstörungswut des Willens. Und so kennt schließlich die Existenz immer nur Verlierer. Die permanente Todesdrohung und der im wahrsten Sinne lebenslange Todeskampf machen unsere vorgefundene Welt – nun ja – zur "schlechtesten aller möglichen Welten".

Die Konsequenz daraus ist ebenso logisch wie abgründig: Hätte der Mensch tatsächlich die Wahl, er müsste es nach Schopenhauer vorziehen, nie geboren zu sein und weit lieber "gänzliches Nichtseyn erwählen". Andererseits ermuntert diese Erkenntnis zu großer Gelassenheit im Diesseits. Warum sollten wir den Tod überhaupt fürchten, wenn es mehr oder weniger absurd ist, das "Nichtseyn für ein Uebel zu halten".

Ein so forsch gepredigter Pessimismus provoziert heikle Rückfragen. Denn sollte die unerhörte Seins-Diagnose Schopenhauers zutreffen, warum sucht der Denker dann nicht höchstselbst sein "Nichtseyn" so schnell wie möglich auf? Nun ist das Philosophieren über das Leben das eine, der unmittelbare Lebensvollzug naturgemäß das andere. Und so hat Schopenhauer die durchaus denkbare Selbsttötung nicht nur abgelehnt, er ist überdies ein ungemein lebenstüchtiger und um sein Wohl besorgter Mensch gewesen. Er entwickelte Lebensstrategien und schrieb mit den "Aphorismen zur Lebensweisheit" 1851 einen späten Bestseller. Überhaupt hing er am philosophisch verachtenswerten Leben: Der gelernte Kaufmann legte die väterliche Erbschaft so gut an, dass er zeitlebens in materieller Unabhängigkeit arbeiten konnte (im Gegensatz zur verschwenderischen Mutter Johanna). Und als sein Auskommen bedroht zu sein schien, wurde er gar zu einem Mann der Tat: Legendär sein Angebot an einen Offizier, den Operngucker auszuleihen, damit dieser bei den Barrikadenkämpfen 1848 in Frankfurt besser auf die Revolutionäre schießen lassen könne. Sein Bestreben, in dieser schlechtesten Welt so lange wie möglich zu verbleiben, trieb ihn auch dazu, stets im Erdgeschoss zu wohnen, um schneller fliehen zu können.

So kauzig dieser frühe Existenz-Philosoph auch gewesen sein mag – seit Schopenhauer ist der Pessimismus nicht mehr wegzudenken. Er hat dem Lebensgefühl des modernen, aufgeklärten Menschen einen neuen Aggregatzustand des Seins gegeben. Und der ist bis heute aktuell geblieben, mit Emile Michel Cioran (1911–1995) und seinen unerhörten Gedanken über den Nachteil, geboren zu sein; oder im leicht modischen Pauschal-Pessimismus eines Ulrich Horstmann.

Philosophie ist nicht dem praktischen Vollzug unserer Existenz verpflichtet. So bleibt Schopenhauers Denken über die schlechteste aller Welten und die Vorzüge des "Nichtseyns" theoretisch und spekulativ, weil es weder Optionen bietet noch konkrete Erfahrungen. Simpel gesprochen: Wir haben gar keine andere Wahl als dieses Leben – und wer es dennoch beklagt, wird leicht zur Zielscheibe spöttischer Kommentare wie jenes von Alfred Polgar (1873–1955): "Nicht geboren werden ist das Beste, sagt der Weise. Aber wer hat schon das Glück? Wem passiert das schon? Unter Hunderttausenden kaum einem."

Der Pessimismus gehört zum Fundament Schopenhauerschen Denkens; letztlich aber ist er die Folge einer anderen Entdeckung – des Prinzips des Willens. Im Grunde speist der Wille sich aus den Urquellen tierischer Instinkte; er dient der Fortpflanzung wie der Selbsterhaltung. Und dennoch: So zielgerichtet ist der Wille selten.

Er lauert in einer Welt, die wir nur in unserer Vorstellung wahrnehmen können. Dies ist ein Vor-Stellen im wahrsten Sinne des Wortes; es kann darum auch nie alles sein. Wohin die Vorstellung nicht reicht, sind nur wir selbst. Also müssen wir noch etwas anderes als nur vorstellende Wesen sein: Wir sind vielmehr der Wille – der stets ein "blinder Wille" ist. Im Grunde umfasst der Wille unser gesamtes Sein. Schopenhauer nennt ihn auch das "Ding an sich". Der Wille ist Anfang und Ende, er ist sein eigener Grund und in dieser Abgeschlossenheit auch zerstörerisch. Vor allem: Wir können diesem Willen nicht entkommen.

Aber hatte man nicht gerade erst bei Kant lernen dürfen, dass die Vernunft das eigentlich Wirkmächtige sei? Diese Vernunft, so sagt es nun Schopenhauer, ist lediglich ein Instrument des Willens, sie ist gewissermaßen sein Angestellter. Verantwortlich bleibt der Wille – für das Unheil, für allen Streit, für den Kampf und das Chaos in der Natur.

Damit wird Philosophie zum Sprengstoff. Denn wer die Willensmetaphysik Schopenhauers isoliert betrachtet, kann urplötzlich eine Grundlegung für jeden gewaltsamen Daseinskampf finden. In einer so ausschnitthaften Wahrnehmung konnte Schopenhauer zum "philosophischen Abgott" Adolf Hitlers werden. Der Diktator verstand sich gar als dessen Schüler; und eine Büste des Philosophen soll auf dem Schreibtisch Hitlers im Berghof gestanden haben. In der Umdeutung der Willenslehre wird Schopenhauer in den Dienst genommen für die Weltanschauung der Nazis. Nun war Schopenhauer zwar nie ein Demokrat; doch ist es ein fatales Missverständnis, seine Philosophie zur Begründung des Nationalsozialismus oder sonstiger Unrechtsregime heranzuziehen. Das belegt auch Schopenhauers Urteil über Napoleon. Einerseits attestiert der Philosoph dem Franzosen-Kaiser eine "seltne Kraft" an Willen; andererseits zeigt sich darin auch "die ganze Bosheit des menschlichen Willens"; und "die Leiden seines Zeitalters . . . offenbarten den Jammer der mit dem bösen Willen, dessen Erscheinung im Ganzen diese Welt ist, unzertrennlich verknüpft ist".

Schopenhauers Denken präsentiert sich nicht als ein geschlossenes System, sondern setzt sich aus bisweilen widerstreitenden Bausteinen zusammen. Seine Deutung des Willens kann darum nie losgelöst gesehen werden von der Mitleidsethik des Philosophen. Denn auch das Mitleiden wird bei ihm zu einer Form des Willens. Bloß dient der jetzt nicht mehr nur der Selbstbehauptung; er weitet sich aus auf den Anderen und das Fremde. Diese Moral ist nicht normativ, sie erweist sich ausschließlich im konkreten Handeln: Dabei wird das "Wohl und Wehe des anderen" unmittelbar zum eigenen Motiv. Und plötzlich wird der Andere "der letzte Zweck meines Willens".

Dieses Mitleiden ist umfassend und meint bei Schopenhauer auch das Leben von Tieren. Der Denker – selbst Besitzer eines Pudels – spricht von der "widernatürlichen Fleischnahrung", die den Menschen zum Monster mache, und zählt 1841 zu den Mitbegründern des Tierschutzvereins in Frankfurt.

Selbst die Ethik des Mitleidens kommt bei Schopenhauer ganz ohne Gott aus. Wurde also schon mit ihm die philosophische Bühne der Schöpfung leergefegt? Bei den Fragen nach den letzten Gründen unserer Existenz wird der grimmige, als misstrauisch geltende und von sich selbst recht überzeugte Denker scheinbar klein, fast kindlich naiv. Wo alles Denken an Grenzen stößt und an ein Ende gelangt, steht bei Arthur Schopenhauer das Staunen, der Augenblick der reinen Anschauung. Das ist die Perspektive des Zaungastes, das sind Blicke aus der Distanz, und je größer, desto besser. Die Bergeshöhe mit der Welt im Chaos unter sich wird zum eigentlichen philosophischen Ort.

Ein solches Staunen über die Welt macht aber auch die Schwäche der Philosophie offenbar, die Schopenhauer ebenso wie die Geschichte gar nicht als Wissenschaft verstanden wissen möchte, da sie in ihren Begriffen die Welt nur beschreiben, verdoppeln und bestenfalls in ihre Sprache übersetzen kann.

Mit ihr gelangen wir jedenfalls nicht zu dem, was hinter unserem Dasein steckt. Wie aber schütteln wir die Welt als Wille und die Welt als Vorstellung ab? Indem wir die Grenze der Erfahrung überschreiten – in der mystischen Versenkung, der philosophischen Kontemplation. Und der Weg dorthin führt über die Phänomene des Ästhetischen, die Begegnung mit dem Schönen und Erhabenen, mit der Dichtung und vor allem mit der Musik. Der Philosophie kommt dabei nur noch die Rolle der Mittlerin zu. In der Musik aber, so Schopenhauer-Experte Rüdiger Safranski, hebt dieses "Ding an sich" tatsächlich zu singen an. In ihr wird nach Schopenhauer "das tiefste Innere unseres Wesens zur Sprache gebracht". Der Wille existiert nach wie vor, doch hat er für die Zeit des Anschauens vorübergehend seine umfassende Macht eingebüßt.

Schopenhauer ist der schlechtesten aller Welten nicht durch Selbstmord entflohen. Er stirbt 72-jährig in Frankfurt am Main, der Stadt seiner letzten drei Lebensjahrzehnte, und nach etlichen Bildungsreisen durch verschiedene Länder Europas, nach einer kurzen, erfolglosen Zeit als Privatdozent an der Universität zu Berlin und einer langen Zeit als Privatier und verkannter Philosoph. Erst zum Lebensende hin durfte er Zeuge davon werden, wie sein Werk zu wirken begann. Es hat der Nachwelt verschiedene Wahrheiten hinterlassen: lebbare und nicht lebbare.

Bei Arthur Schopenhauer sind Denken und Handeln nicht geteilt. Aber sie stehen einander gegenüber – wie Stürmer und Schiedsrichter auf einem gemeinsamen Spielfeld.

Quelle: RP

 
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