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Düsseldorfer Schauspielhaus: Schreckensherrscher im Ohrensessel

VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 30.11.2009 - 07:51

Düsseldorf (RP). Am Düsseldorfer Schauspielhaus inszeniert Peter Eschberg das Drama "Dantons Tod" von Georg Büchner als Kammerspiel auf großer Bühne. Rainer Galke überzeugt in der Rolle des lebensgierigen Danton, Götz Schulte setzt den erbarmungslosen Revolutionsstrategen Robespierre dagegen.

Er ist ein grober Mensch, dieser Danton, wie er so mit offenem Hemd, bloßen Füßen, Zottelhaar dasteht und sich in Rage redet wie ein trotziges Kind, ein zorniger Freak. Satt hat er die Revolution, das Blutvergießen, das Morden um der Sache willen. Und satt hat er vor allem den erbarmungslosen Robespierre, den kalten Revolutionsstrategen und einstigen Gefährten, der im sauberen Anzug im Ohrensessel hockt, Tugendhaftigkeit predigt und das Beil der Guillotine weiter fallen sehen will. Nein, dieser Danton ist nicht müde, nicht resigniert. Er will leben, genießen, sich mit den Huren im Bett wälzen. Doch natürlich weiß er es besser. Er hat den Schicksalssatz ja längst gesagt: Die Revolution frisst ihre Kinder.

Georg Büchner war erst 21 Jahre alt, als er sein Nachdenken über die französische Revolution und die eigenen Erfahrungen mit einem revolutionären Geheimbund 1835 in "Dantons Tod" in ungeheuer klare, schmerzlich ernüchterte Sätze goss. Es ist das Drama eines Enthusiasten, den die Wirklichkeit zum Fatalisten gemacht hat, und so ist dieses Stück getragen von brillanter Rhetorik, in der das Scheitern des Menschen an sich selbst souverän in Worte gefasst wird. Ein frappierendes Erstlingswerk, das Peter Eschberg nun im Düsseldorfer Schauspielhaus in einer klugen, schlichten, ganz auf den Text konzentrierten Inszenierung auf die Bühne bringt. Und weil Rainer Galke den Danton so wild-verzweifelt, unmanierlich und noch immer lebensgierig gibt, wird daraus kein lethargischer Abgesang, keine melancholische Zauderstunde, sondern das letzte Aufbäumen eines revolutionären Genussmenschen, der noch etwas zu verlieren hat.

Götz Schulte ist als Robespierre ein ebenbürtiger Widerpart, zäh in seinem Festhalten am Prinzip, ein unerbittlicher Revolutionsdogmatiker, tugendhafter Schreckensherrscher in zugeknöpftem Rock. Im Ohrensessel sitzt er bis zur Pause stets auf der Bühne, ist angewiderter Beobachter eines Spiels, dessen Ausgang er selbst bestimmen wird. Nur einmal verlässt er doch den ledernen Aussichtspunkt, geht nach vorne auf einer Rampe bis hinein ins Publikum und erschauert vor den eigenen Gedanken an Dantons Tod, der nun bald Tat werden wird. Da ist seine Miene starr vor Entsetzen, weil er erkennt, dass auch er längst verzehrt ist von dieser Revolution.

Gespielt wird vor und auf einem eisernen Schafott, das anfangs wie ein überdimensionierter Tisch im Raum steht, später auch mal in die Höhe fährt, als gefangene Revolutionäre sich in Gottesbeweis-Gefechte verschrauben. Und irgendwann senkt sich das Blutgerüst in die Tiefe, bringt die geächteten Revolutionäre gänzlich unblutig um ihren Kopf. Senkrecht zum Schafott verlaufen dann noch Schienen, auf denen bei Bedarf andere Spielräume aus dem Bühnenhintergrund herangleiten, lautlos und geschmeidig. Mal ist das ein weiches Federbett, in dem Danton und seine Gespielin sich räkeln. Später rollt im klugen Kontrast auf selber Strecke der nackte Boden einer Kerkerzelle heran, in der Danton und seine Freunde eingesperrt sind. So wird die gewaltige Spielfläche im großen Haus geschickt genutzt, das eigentliche Spiel erscheint aber wie auf einer Kammerbühne, auf der auch kleine Gesten nicht verloren gehen. Das ist alles sehr dezent angelegt, selbst ein schwarzes Guillotinemesser, das oben auf Bühnenbreite ins Bild ragt, wird nach der Pause nur ein wenig gesenkt. Keine Spielereien, keine spektakulären Bilder, in dieser Inszenierung gilt das gesprochene Wort. Und das funktioniert vorzüglich, weil auch die Darsteller in den Nebenrollen mit solchem Ernst beim Text sind, Guntram Brattia etwa als mephistophelischer St. Just, Wolfram Rupperti als nüchterner Lacroix, Janina Sachau als kindlich trauernde Lucile und allen voran Robert Joseph Bartl, ein Gast vom Münchner Residenztheater, als ein Camille, dessen Geflenne kurz vor der Hinrichtung tatsächlich etwas von Todesahnung verrät.

Man kann dieser Inszenierung vorhalten, dass sie ein schmerzhaftes Stück allzu edel ausstellt und keine direkten Zeitbezüge sucht. Dafür verlangt sie volle Aufmerksamkeit für einen grandiosen Text. Eine gute Art, das Publikum ernst zu nehmen.

Quelle: RP

 
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