Georg-Büchner-Preis: Schriftsteller Reinhard Jirgl ausgezeichnet
zuletzt aktualisiert: 23.10.2010 - 18:20Darmstadt (RPO). Der Schriftsteller Reinhard Jirgl ist am Samstag in Darmstadt mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet worden. Bei der Preisverleihung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung im Staatstheater bekannte der Schriftsteller Helmut Böttiger in seiner Laudatio: "Reinhard Jirgl tut oft weh."
Der Autor stehe für das Sperrige und für Lesehürden, scheine geradezu Barrikaden aus Buchstaben und Satzzeichen zwischen sich und der Öffentlichkeit aufgebaut zu haben. Jirgls Romane seien schmerzhaft zeitgenössisch, sagte Böttiger weiter. Sie benutzten Versatzstücke aus Fernsehtrash und Trivialkultur, aber verweigerten sich jeglichem Konsens.
"Jirgl ist das, wovor uns die Germanistikprofessoren immer gewarnt haben", fuhr der Laudator fort. Seine Bücher seien oft mit der Farbe Schwarz assoziiert worden. Doch man sollte sich nicht täuschen lassen, fügte Böttiger hinzu, diese Schwärze wirke erhellend. Erst, wenn die Wirklichkeit schonungslos durchdrungen worden sei, beginne etwas Neues.
Der mit 40.000 Euro dotierte Georg-Büchner-Preis gilt als bedeutendste Literaturauszeichnung in Deutschland. In der Begründung ihrer Wahl führte die Akademie an, dass Jirgl in seinem Romanwerk "von epischer Fülle und sinnlicher Anschauung" ein eindringliches, oft verstörend suggestives Panorama der deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert entfalte.
Mit großer erzählerischer Sensibilität und Leidenschaft erzähle der Autor von den Aufbrüchen und Katastrophen, den Kriegen und Vertreibungen, den Zeiten der Teilung und der schwierigen Vereinigung - "geschützt durch den Firnis eines avantgardistischen Schreibgestus", wie es weiter hieß.
Reinhard Jirgl wurde 1953 in Ost-Berlin geboren und schrieb bis zur Wiedervereinigung nur für die eigene Schublade. Als er sein erstes umfangreiches Manuskript "Vater Mutter Roman" 1985 beim Ost-Berliner Aufbau-Verlag einreichte, wurde ihm eine "nichtmarxistische Geschichtsauffassung" vorgeworfen und die Veröffentlichung verweigert.
Das Werk erschien nach der Wende 1990 in einem Literaturprogramm beim Aufbau-Verlag, blieb jedoch nahezu unbeachtet. Die entscheidende Änderung in der öffentlichen Wahrnehmung kam erst 1993, als er für seinen Roman "Abschied von den Feinden" mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet und Autor des Carl Hanser Verlags wurde.
Drei Jahre später gab Jirgl seine Tätigkeit als Techniker an der Berliner Volksbühne auf und arbeitet seitdem als freier Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm die Romane "Die Unvollendeten" (2003), "Abtrünnig" (2005) und "Die Stille" (2009).
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