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Künstler stirbt mit 69: Sigmar Polke malte Deutschland

VON BERTRAM MÜLLER - zuletzt aktualisiert: 12.06.2010 - 10:25

Köln (RP). Nach langer Krankheit ist der Maler in der Nacht zu Freitag 69-jährig in seiner Kölner Wohnung gestorben. Neben Gerhard Richter, Anselm Kiefer und Georg Baselitz zählte er zu den großen deutschen Künstlern der Nachkriegszeit. Sein Markenzeichen war die Ironie.

Der deutsche Künstler Sigmar Polke ist tot  Foto: KEYSTONE, APN
Der deutsche Künstler Sigmar Polke ist tot Foto: KEYSTONE, APN

Sigmar Polke misstraute allem, das sich den Anschein des Erhabenen gibt. Mit dem Stichel der Ironie pikste er hinein, und schon zerplatzten die ehrwürdigsten Gebilde. Polke, der große Skeptiker unter den deutschen Künstlern der Gegenwart, spürte seit je mit sicherem Instinkt Unstimmigkeiten auf, und am Ende seiner bildnerischen Nachforschungen offenbarte er meist das Gegenteil dessen, was man ihm in Werbung, Medien, Politik oder auch in der unvermittelten Wirklichkeit weismachen wollte. Jetzt ist Polke 69-jährig nach langer Krankheit an seinem Wohnort Köln gestorben - ein Maler, der im jährlich herausgegebenen „Kunstkompass“ stets einen der oberen Plätze belegte und dessen Werke auf dem Kunstmarkt Preise im sechs- bis siebenstelligen Euro-Bereich erzielten.

Ähnlich wie im Falle Gerhard Richters, mit dem er in Düsseldorf den Grund zu seinem Welt-Erfolg legte, mit dem er aber schon lange keinen Kontakt mehr pflegte, steckt in Polkes Werk die Geistesgeschichte der Bundesrepublik Deutschland, und die erschließt sich im Spiegel des widerborstigen Ironikers nur, wenn man verfolgen kann, was sich woraus ergeben hat.

Wie Georg Baselitz, Gerhard Richter und auch Günther Uecker, drei weitere international gefeierte deutsche Künstler, stammte Polke aus dem Osten, und wie vor allem Richter hatte er sich dem Westen gegenüber eine gewisse Fremdheit bewahrt, eine Distanz, die ihn jeglicher Vereinnahmung von vornherein enthob.

1941 in Niederschlesien geboren, 1945 Flucht nach Thüringen, von dort nach Berlin und Düsseldorf, Studium an der Kunstakademie bei Gerhard Hoehme und Karl Otto Götz, zeitweilig auf einem Hof in Willich ansässig, später zum Professor an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste berufen und seit Anfang der neunziger Jahre als freier, sich der Öffentlichkeit verschließender Künstler in Köln lebend. Das waren die äußeren Stationen einer Biographie, in der Zeitgeschehen, historisches Bewusstsein und eine unbändige Lust am immer wieder neuen Aufbruch und Experiment miteinander verschmolzen.

Sichtbares Ergebnis waren jene Werke, die 1997 in einer Retrospektive der Bundeskunsthalle Bonn den Weg vom „Kapitalistischen Realismus“ aus der Düsseldorfer Zeit bis zum plakativen Zweifel am ehedem vielbeschworenen „Aufschwung Ost“ bezeugten.

Der „Kapitalistische Realismus“, eine heitere Abgrenzung gegen den Sozialistischen Realismus des Ostens und die ungegenständliche Kunst des Westens, setzte bei Polke mit einer ironischen, zugleich lapidaren Kritik am Wirtschaftswunder-Land ein. Das Gemälde „Der Wurstesser“ von 1963 bezeichnet einen durch Kopf und Hand markierten Mann, der sich anschickt, eine Kette von Würstchen zu verspeisen, die sich ihrerseits zu einer Art Kopffüßer formieren.

Der Witz der Anfangsjahre wich schon bald einer Reflexion, die sich auf das eigene Motiv richtete. Durch „Rasterbilder“ wurde Polke bekannt. Zunächst überzogen die Punkte eine Vase, einen Tisch, das Profil eines Menschen. Wenig später verfremdete ein starkes Raster Zeitungsausschnitte; den Kopf eines Bäckers aus dem Impressum der „Bäckerblume“, garniert mit frischen Berlinern; das massige Haupt des Gewerkschaftsbosses Heinz Kluncker; japanische Tänzerinnen. Wie hinter einem Schleier kehren beim Betrachten jener Bilder die sechziger Jahre ins Bewusstsein zurück - mit ihnen die Frage: Inwieweit dürfen wir als Wirklichkeit erachten, was die Medien uns unter einem bestimmten Blickwinkel, somit stets in Auswahl vermitteln?

Auch mit der Vorstellung von der göttlichen Inspiration, aus welcher der Künstler schöpfe, rechnete Polke augenzwinkernd ab. In der Installation „Vitrinenstück“ von 1966 schilderte er, wie sein zentrales Flamingo-Bild Gestalt gewann: „Ich stand vor der Leinwand und wollte einen Blumenstrauß malen. Da erhielt ich von höheren Wesen den Befehl: keinen Blumenstrauß! Flamingos malen! Erst wollte ich weiter malen, doch dann wusste ich, dass sie es ernst meinten.“

Polke demontierte gern, und er wurde dabei über die Jahre immer politischer. Im Bild „Dr. Bonn“ reagierte er auf den bis heute nicht völlig geklärten Tod der Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe im Isolationstrakt des Gefängnisses von Stuttgart-Stammheim. In diesem Werk wie auch in früheren hatte Polke ungewöhnliche Textilgründe verwendet, von der Wolldecke bis zu Flanell. Auch auf anderen Feldern experimentierte er. Der „Hochsitz“-Zyklus aus den 1980er Jahren setzt sich unter anderem aus Silbernitrat, Silberoxid, Jodid und Kobalt-II-Chlorid zusammen - eine (jeweils unterschiedliche) licht- oder feuchtigkeitsempfindliche Mischung, die im Falle von „Hochsitz II“ zur nahezu vollständigen Verdunkelung des Motivs führte.

Die Formate waren im Lauf der neunziger Jahre immer größer geworden. Mit weniger als zehn Quadratmetern gab sich Polke kaum noch zufrieden. Zuletzt, im vorigen Jahr, erregte er noch einmal Aufmerksamkeit durch zwölf Kirchenfenster, die er für das Zürcher Großmünster entworfen hatte: biblische Themen in poppigem Gewand. Da hatte sich der Ironiker von einst allerdings schon längst verabschiedet. Seine große Zeit war die der Bonner Republik.


 
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