Philosophen (17): Sloterdijk – Entertainer des Denkens
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 16.01.2010 - 12:38(RP). Er zählt zu den Sprachkünstlern unter den Philosophen: der Karlsruher Peter Sloterdijk (62), dessen Werke zumeist Bestseller werden und der als "Medienphilosoph" gilt. Mit seinen "Regeln für den Menschenpark" – in denen auch von Züchtung und genetischer Manipulation die Rede ist – geriet er in die öffentliche Kritik.
Peter Sloterdijk dürfte der einzige Philosoph auf Erden sein, der die Menschen mit konkreten Anregungen zu einer Steuerreform bedachte. Und die sind so radikal, dass sie sogar der alten Forderung von Friedrich Merz Rechnung tragen könnten, wonach ein Bierdeckel zur Niederschrift ausreichen müsste. Hand aufs Herz, Sloterdijk hat es sich in gewisser Weise einfach gemacht, indem er kurzerhand die Abschaffung aller Steuern anregte und zu einem System der Freiwilligkeit ermunterte.
Etwas kniffliger sind dazu seine Erläuterungen: Jede Verpflichtung zur Abgabe eines Teils des Eigentums könnte als Kränkung, gar Beschämung empfunden werden. Wäre es daher nicht viel "würdevoller" und auch "sozialpsychologisch produktiver", würde man auf die fiskalischen Zwangsabgaben verzichten und stattdessen um Spenden bitten? In dieser permanenten "Selbstüberwindung" würde letztlich die Wende erzielt werden von einer gierbeherrschten Gesellschaftsform zu einer stolzbewegten. Wohlan denn, kein böses Wort mehr von "Besteuerung" und "Enteignung", stattdessen der Wohlklang von einer "Ethik der Gabe".
Steuern oder freiwillige Abgabe?
Ein Gedanke, der – was nicht verwundern mag – eine Debatte auslöste, die jedoch – was wiederum sehr verwundert – nicht von Ökonomen, sondern von Kollegen aus der philosophischen Gilde angezettelt wurde. Einer von ihnen, der Frankfurter Professor Axel Honneth, merkte an, dass damit dem Sozialstaat ein Ende gesetzt werde. Doch im Grunde galt der Furor seiner Kritik nicht der skurrilen Idee, sondern dem skurrilen Denker. Denn mit jedem neuen, fast jährlich erscheinenden Werk wird deutlicher, dass es ein zentrales Thema bei Sloterdijk nicht gibt. Das Konzentrat seines Denkens wird in keinem übergeordneten "Projekt" aufgefangen.
Perfide gefragt: Wie ernst kann und muss man den 62-Jährigen eigentlich nehmen, den Philosophie-Performer und Medienphilosophen mit eigener Fernsehsendung? Was steckt hinter der glitzernden Sprache des Metapherngenies, all dem sprachlichen Pomp und den Gedankenketten, die sich so spielend leicht zu Aphorismen verdichten? Die wissenschaftlichen Vorbehalte gegenüber dem populären Denker mit Bestseller-Qualitäten sind nicht gering.
Und wer ihn lieber in das Format des tiefsinnigen Schriftstellers zwängen will, verweist gerne darauf, dass Sloterdijk schließlich an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung lehrt. Außerdem steht an den Anfängen seiner publizistischen Tätigkeiten nicht seine "Kritik der zynischen Vernunft", sondern mit "Der Zauberbaum" ein epischer Versuch. Und ist darin Marius Rosier eine Art Schlüsselfigur? Der Prinzipal des Théâtre de la lune, ein "Schauspieler mit großem Erzähltalent, Neigung zum Pathos, auf seine Weise fast ein Philosoph".
Es gibt andere Debatten mit und um Sloterdijk, prekäre wie jene über seine "Regeln für den Menschenpark". In diesem Vortrag, 1999 auf Schloss Elmau gehalten, geht es ihm, behutsam gesprochen, um die Verbesserung des Menschen. Die Techniken dazu sind Erziehung, aber auch Züchtung und genetische Manipulation; "Anthropotechnik" heißt dieses Verfahren. Sloterdijk formuliert damit einen biopolitischen Utopismus, dem es an gesellschaftlicher Sprengkraft nicht mangelt. Zwar verweist der Philosoph auf das Christentum, dem die Idee der Menschenerneuerung gleichfalls nicht fremd ist. Doch wenn er in diesem Kontext auch von Nietzsches "Übermenschen" spricht, wird es vor dem Hintergrund faschistischer "Rassenpolitik" und Eugenik-Programme gefährlich.
Sloterdijk aber hat dies im Sinn: Was einst zum Kern des Humanismus zählte – die Einmaligkeit unseres Daseins mit all seiner Fehlerhaftigkeit –, ist im Zeitalter der industriell-technischen Reproduzierbarkeit zum Makel geworden. Spätestens diese Debatte führte zum Bruch mit vielen etablierten Philosophen, unter ihnen auch Jürgen Habermas.
Traum von der Verbesserung des Menschen
Der Traum von der Verbesserung des Menschen hat Sloterdijk nicht verlassen. Er hat ihn noch unlängst aufgegriffen, aber in neuer, entschärfter Form. "Du musst dein Leben ändern" heißt sein erneut umfangreicher Beitrag von 2009. Die Zeile aus dem berühmten Rilke-Poem "Archaischer Torso Apollos" wird ihm zum Impuls, die "konfuse Existenz des modernen Menschen" praktisch zu reorganisieren. Diesmal aber nicht durch Züchtung und Genmanipulation, sondern durch Üben, Üben, Üben.
Der Athlet gerät Sloterdijk dabei zur Schlüsselfigur von geistesgeschichtlicher Bedeutung. In ihm spiegelt sich die Wiederkehr des antiken Idealismus. Und ist es nicht verwunderlich, dass ausgerechnet zu Beginn der Moderne die Olympischen Spiele der Neuzeit gestartet werden und die Übung auf exzessive Weise populär wird? Als philosophische Zentralbegriffe der Lebensbewältigung tauchen jetzt "Trainingslager" und "Trainerwechsel" auf.
Sport als Religion
Auf diesem Trainingsgelände gibt es Religion nicht mehr, allenfalls noch als spirituelles Aufwärmprogramm. Der heilige Ort ist darum auch nicht mehr die Kirche, sondern das Fitness-Studio. Ohnehin ist nach Sloterdijk die Religion mit ihrer rituellen Rundum-Versicherung gegen Krankheit, Tod und Resignation schuld am Trainingsrückstand der Menschheit.
Üben dient der Selbstformung, vor allem der Selbststeigerung. Oder, wie es Übungsleiter Sloterdijk weit geschulter formuliert: Üben ist "jede Operation, durch welche die Qualifikation des Handelnden zur nächsten Ausführung der gleichen Operation erhalten oder verbessert wird".
Das höchste Ziel bleibt der Athlet. Weil in dieser Figur eine Form der Askese jenseits aller Spiritualität sichtbar wird. Seine Botschaft ist die Auferstehung des Fleisches im Diesseits.
Auch wenn ein zentrales Projekt in seiner Philosophie kaum zu finden ist, so existiert doch ein großes Oberthema. Der Publizist Rüdiger Safranski, sein Sparrings-Partner in der Fernseh-Show "Das philosophische Quartett", hat Sloterdijk einmal als großen, noch immer staunenden Anfänger bezeichnet, der sich von der Sprache beschenken lässt und dabei oft bei dieser Frage ankommt: "Wo kommt man an, wenn man bei der ,Welt' ankommt?"
Solche Ankünfte hat Sloterdijk auf vielen hundert Seiten in seinem dreibändigen Projekt der "Sphären" zu beschreiben versucht. An die Stelle der verschollenen Welt der alten Metaphysik stellt Sloterdijk eine Philosophie der Raumerfahrung, unterteilt in die provozierend kryptisch klingenden Abteilungen "Blasen", "Globen" und "Schäume". Ausgangspunkt seiner Expedition: Wir Menschen sind immer schon in etwas enthalten, wir leben stets in Räumen, in den kleinen unserer Umgebung, den großen unserer Existenzerfahrung.
Diese Raum- oder Sphären-Erfahrung macht unser Dasein aus, bestimmt wesentlich unser Denken. Es ist, so macht es Sloterdijk deutlich, eben doch ein anderes Weltbild, wenn man bloß küstennah segelt (wie die alten Griechen) oder aber weite Entdeckungsfahrten wagt (wie die Wikinger).
"Hypermoral-Standort Deutschland"
Im weiten Feld solcher Raumerfahrungen kann auch das Nachdenken über nationale Räume stehen. Sloterdijk jedenfalls hat sich immer wieder darauf eingelassen und auch dazu forsche, ungewöhnliche Thesen formuliert. In seiner "Theorie der Nachkriegszeiten" attestiert der Gegenwarts-Exeget Deutschland Normalität. Nach einer langen deformierten Geschichte hat so der "Hypermoral-Standort Deutschland" einen neuen Aggregatzustand erreicht. Diesen Befund belegt er ausgerechnet mit der Wahl Kardinal Ratzingers zum Papst. Ein Zeichen von überwältigender Deutlichkeit sei dies. Und es besagt: "Eine deutsche Herkunft muss kein Grund mehr für Vertrauensentzug sein; ein deutscher Name kann wieder ein Integritätssymbol höchsten Niveaus darstellen."
In seiner Auseinandersetzung mit der Nation kommt er zu Einsichten, die aktuelle Debatten über den Afghanistan-Einsatz vorwegzunehmen scheinen. "Die Deutschen neigen zu der Überzeugung, sie hätten aufgrund ihrer vergangenen Verbrechen einen höheren Anspruch darauf erworben, in einer Welt zu leben, in der es keine Kriege gibt. Hieraus ist ein Syndrom der anmaßenden Schwäche entstanden, das kommenden Prüfungen nicht standhalten kann", schrieb er vor knapp zwei Jahren.
Das Denken Peter Sloterdijks folgt der Zeit und der Sprache. Seine Philosophie muss sich im Jetzt beweisen und bewähren. Diesem hohen Risiko setzt sie sich aus. Damit hat die Philosophie am Ende des 20. Jahrhunderts endgültig den Bezirk der in sich geschlossenen Systeme verlassen; sie ist hinausgetreten ins offene, ungeschützte Feld. Wohin das Denken künftig noch führen wird, ist ungewiss. Aber es wird die Faszination an der Philosophie bleiben – angesichts der zahlreichen Versuche, die Welt und unser Leben in dieser Welt mit den 26 Buchstaben unseres Alphabets zu erklären.
Ende der Serie
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