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Interview mit Roberto Ciulli: "Theater an der Ruhr" gastiert in Teheran

zuletzt aktualisiert: 16.01.2007 - 16:10

Düsseldorf (RP). Roberto Ciulli gastiert derzeit mit seinem Theater an der Ruhr in Teheran beim Fadjr-Bühnenfestival - und erlebt die zunehmende Einschüchterung der Menschen im Iran.

Roberto Ciulli: Die Schauspieler überzeugen.  Foto: ddp
Roberto Ciulli: Die Schauspieler überzeugen. Foto: ddp

Sie sind auf Einladung des iranischen Kultusministeriums nach Teheran gereist. Bereitet Ihnen die Zusammenarbeit mit dem Regime keine Probleme?

Ciulli Den Iran zu isolieren, wie es die jüngste Entscheidung des UNO-Sicherheitsrates für Sanktionen gegen den Iran tut, spielt nur den Konservativen in diesem Land in die Hände. Wir sind zwei Jahre nicht in den Iran gereist, weil wir abwarten wollten, wie sich die politische Lage unter Präsident Ahmadinedschad entwickelt. Jetzt sind wir hier, um zu sehen, ob tatsächlich Winter herrscht oder doch Frühling.

Und wie ist die Großwetterlage?

Ciulli Kein Frühling. Seit unserem letzten Besuch vor drei Jahren hat ein Einschüchterungsprozess eingesetzt, der Sorgen macht. Früher gab es in Teheran 20, 30 Zeitungen, die sind alle abgeschafft. Es gibt keine Öffentlichkeit mehr. Wenn ich früher eine Pressekonferenz gegeben habe, kamen 30 interessierte Journalisten, heute sind nur noch wenige offizielle Fragensteller da. Das ist auch für das Theater eine schlimme Entwicklung, denn Theater braucht Öffentlichkeit.

Trotzdem lässt man Sie mit Stücken auftreten, die politischen Sprengstoff enthalten, mit Büchners Revolutionsstück „Dantons Tod“ und mit dem Königsdrama „König Lear“ von Shakespeare. Wie passt das?

Ciulli Das ist einer der großen Widersprüche dieses Landes. Büchners Drama über die schlimmen Folgen einer Revolution ist in diesem Land so aktuell, dass es erschreckend ist. Wenn Sätze fallen wie: „Das ist die Diktatur. Ihr wollt Brot, und sie werfen Euch Köpfe hin. Ihr durstet und sie machen Euch das Blut von den Stufen der Guillotine lecken“, dann macht das natürlich ungeheuren Eindruck auf das Publikum.

Und wie reagiert dieses Publikum?

Ciulli Es bleibt stumm. Jeder, der an solchen Stellen applaudieren würde, müsste sich hinterher dafür verantworten. Es wäre gefährlich für das Publikum, Reaktionen zu zeigen. Aber dass die Menschen die Stücke als Spiegel ihrer Situation verstehen, wissen wir aus privaten Gesprächen.

Sie können also private Kontakte pflegen?

Ciulli Ja, auch das ist wieder so ein Widerspruch. Wir können uns ganz frei bewegen. Insofern unterscheidet dieses Gastspiel sich gar nicht von einem in Wien oder Rom. Ich habe auch keine Angst, hier öffentlich meine Meinung zu äußern. Wir sind ja nur Theaterleute. Wir handeln nicht mit Waffen oder Plutonium. Wir sind harmlos.

Roberto Ciulli hält Theater für harmlos?

Ciulli (lacht) Nein, natürlich stimmt, was Heiner Müller gesagt hat: „Schauspieler sind gefährliche Menschen.“ Ich möchte die Wirkung unserer Reise hierher nur nicht überschätzen, wir treffen ja keine Leute vom Regime, die kommen höchstens inkognito in unsere Vorstellungen. Aber unser Theater ist sicher ein Signal für die vielen jungen Menschen in unserem Publikum und für die Intellektuellen hier.

Und wie erleben Sie gerade die Stimmung unter den Intellektuellen in Ihrem Publikum?

Ciulli Gerade resignieren sie ein wenig, weil die Intellektuellen spüren, dass der Motor der Veränderung im Moment stockt.

Sie führen nach den Aufführungen auch Publikumsgespräche. Wie offen können Sie dort mit den Menschen sprechen?

Ciulli Das ist schwierig. Wir versuchen nicht zu provozieren. Also sprechen wir nicht direkt über die politische Lage des Landes, sondern konzentrieren uns auf das Stück, die Sache, und können so doch über alles reden.

Aber die Geheimpolizei verfolgt, was Sie sagen.

Ciulli Natürlich, wir wohnen jetzt auch in einem anderen Hotel als früher, weil man uns angedeutet hat, dass man in dem alten Hotel die Zimmer abgehört hat. Es gibt in diesem Land eine große Schizophrenie. Im öffentlichen Raum müssen die Frauen Kopftuch tragen, Männer geben Frauen nicht die Hand, mehr als fünf Leute dürfen nicht zusammensitzen, sonst machen sie sich verdächtig. Doch zu Hause legen die Leute die Kopftücher ab und reden ganz offen. Sie haben gelernt, mit dieser Schizophrenie zu leben.

Hat das Regime versucht, Ihre Inszenierung zu beeinflussen?

Ciulli Nur die üblichen Dinge, wir nennen das Formalitäten. Unsere Darstellerinnen dürfen nicht ohne Kopfbedeckungen auftreten, es darf keine Nacktheit auf der Bühne geben. Diese Dinge sind in der iranischen Verfassung festgeschrieben, da halten wir uns dran.

Wie viele Menschen kommen denn in Ihre Vorstellungen?

Ciulli Wir spielen in der Oper, da passen 1200 Leute hinein, und wenn wir spielen, ist es voll. Wir sind beliebt hier, fast könnte man sagen: Wir werden geliebt. Darum ist es uns auch so wichtig, dass der Dialog zwischen unseren Kulturen jetzt weitergeht - trotz aller Schwierigkeiten.

Dorothee Krings führte das Gespräch.


 
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