Mit 93 Jahren: Theatermacher George Tabori gestorben
zuletzt aktualisiert: 24.07.2007 - 16:09Berlin (RPO). George Tabori ist tot. Der Theaterautor und Regisseur starb am Montag im Alter von 93 Jahren in Berlin. Dabei hatte George Tabori noch viel vor.
Zum Abschluss seiner Karriere wolle er Shakespeares "König Lear" mit seinem Freund Hilmar Thate in der Hauptrolle auf die Bühne bringen, wünschte sich der damals 90-Jährige bereits vor drei Jahren. "Das ist sein schönstes und bestes Werk, das er je geschrieben hat", schwärmte er. Und das wäre für das Karriereende eines der größten Regisseure und Autoren wohl passend gewesen. Der Wunsch blieb ein Traum. Nach kurzer Krankheit starb "der dienstälteste Theatermacher der Welt", wie er sich selbst verschmitzt bezeichnete, am Montag in Berlin.
Bis zuletzt inszenierte der 93-Jährige am Berliner Ensemble. Für den 15. November ist hier die Uraufführung seines Werks "Pffft oder der letzte Tango am Telefon" geplant. Und wie immer wäre er mit Gehstock und Seidenschal zur Premiere gekommen, das lange graue, gewellte Haar straff zurück gekämmt. Milde lächelnd hätte er die Reaktionen seines Publikums beobachtet. Nun muss Martin Wuttke das Stück ohne Taboris Hilfe inszenieren und spielen.
Der gebürtige Ungar, dessen Vater und weitere jüdische Familienmitglieder in Auschwitz ermordet wurden, war bereits zu Lebzeiten eine Theaterlegende - als Autor, Schauspieler und Regisseur. Bevorzugt setzte er sich in seinen Stücken mit der Geschichte der Juden und Deutschen auseinander, zeigte Flagge gegen Antisemitismus. Die heikelsten Themen behandelte er mit Witz und Humor. Seine Arbeiten seien Versuche, die Magie des Theaters und das Grauen des Lebens zu beschwören, wundersame Gratwanderungen zwischen Schmerz und Scherz, charakterisierte eine Zeitung einmal.
Tabori, der am 24. Mai 1914 in Budapest geboren wurde, hatte über die Aufgaben des Theaters klare Vorstellungen: "Gutes Theater gibt immer Antworten. Die Frage ist, ob man diese akzeptiert." Und tatsächlich schaffte er es mit seiner sanften und provokativen Art fast immer, Antworten zu geben. Nicht zuletzt dafür wurde er vielfach ausgezeichnet, zuletzt erhielt er für sein Lebenswerk 2006 den Deutschen Theaterpreis. Außerdem war er unter anderem Träger des Georg-Büchner-Preises und des Bundesverdienstkreuzes.
"Hunde sind die besten Leute"
Gerne erzählte Tabori mit leiser Stimme und glänzenden Augen Anekdoten aus seinem bewegten Leben: von seiner Flucht 1936 von Budapest nach London und der Annahme der britischen Staatsbürgerschaft. Von seinem Leben in Istanbul als Auslandskorrespondent und seiner Emigration elf Jahre später in die USA. Erzählte von seinen Treffen mit Thomas Mann, Bert Brecht, Gene Kelly oder Greta Garbo in Hollywood. Und der Trauer, dass im Laufe der Jahrzehnte die meisten Freunde starben. Zuletzt war einer seiner besten Freunde ein zottliger ungarischer Hirtenhund, der ihn ständig begleitete - auch ins Theater. "Es ist ein neues Wesen, das nicht sprechen kann, aber bellt. Hunde sind die besten Leute", erklärte Tabori, Vater dreier Kinder, lächelnd.
Trotz allen Erfolgs war Tabori ein bescheidener Mensch geblieben. Es sei nicht alles erfolgreich gewesen, was er gemacht habe, merkte er selbstkritisch an. Seit 1970 sei er in Deutschland - dem Land mit dem weltweit besten Theater - und habe seitdem 50 Stücke inszeniert. Die Hitler-Farce "Mein Kampf" und die "Goldberg-Variationen" seien ganz gut geworden - andere Inszenierungen nicht.
Angst vor dem Sterben hatte Tabori nicht. "Ich habe so viel darüber geschrieben, dass ich es gut kenne", sagte er einmal.
Das Berliner Ensemble und Taboris Theaterverlag würdigten Tabori als "unvergleichlichen Theatermacher", der die Schrecken des 20. Jahrhunderts mit melancholischem Humor und sanfter Geste dargestellt habe. "George Tabori - ein Dichter, ein Regisseur, ein Schauspieler, ein genialer Lebenskünstler, ein einzigartiger Mensch - hat seinen Lebenskreis vollendet."
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