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panorama "Fuer Marcel Reich-Ranicki" DDP
  Foto: ddp, ddp
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Marcel Reich-Ranicki wird 90 Jahre alt: Verehrt, gefürchtet, heimatlos

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 02.06.2010 - 07:47

Frankfurt (RP). Marcel Reich-Ranicki ist der berühmteste und auch gefürchtetste Literaturkritiker in Deutschland. Am 2. Juni feiert der gebürtige Pole, der mit seiner Frau aus dem Warschauer Getto vor den Nazis fliehen konnte und der zeitlebens ein Ausgegrenzter geblieben ist, seinen 90. Geburtstag.

Es geschieht beim Literarischen Quartett 1993 in Wien. Marcel Reich-Ranicki zerfleddert gerade den aktuellen Walser-Roman, als ein Gewitter mit heftigem Donner einsetzt. Darauf der Kritiker mit himmelwärts gerichtetem Blick: "Also, man wird doch noch etwas gegen Walser sagen dürfen!" Szenenwechsel: Als Andrew Reich-Ranicki seinen Vater in Frankfurt besucht und das Taxi vor der Wohnung hält, fragt er den Fahrer, ob er den Mann da oben am Fenster kenne. Der Taxifahrer, ein Türke und des Deutschen nur mäßig kundig, schaut hoch und sagt: "Buch."

Zwei Anekdoten von vielen anderen, die sich um unseren lautesten und berühmtesten Kritiker ranken; und die den gemütlichen Eindruck hinterlassen von einem glücklichen wie geglückten Leben. Das aber ist ein böser Trugschluss – und die jüngsten Kommentare von Marcel Reich-Ranicki, eingeholt kurz vor dessen 90. Geburtstag am 2. Juni, belegen das: Er sei überhaupt nicht glücklich, sagt er. "Ich war es nie." Ein finsteres Resümee am Lebensabend. Viel lese er nicht mehr; die meisten Bücher habe er weggegeben; und die Verfilmung seines autobiographischen Bestsellers "Mein Leben"? Eine einzige Enttäuschung.

Zeitlebens heimatlos

Tabula rasa eines Mannes, der zeitlebens heimatlos geblieben ist. Der als junger polnischer Gymnasiast in Berlin von den Nazis ins Warschauer Getto deportiert wird. Und der zusammen mit seiner Frau Teofila wahrscheinlich nur deshalb überlebt, weil er im Judenrat arbeiten und Texte ins Polnische übersetzen kann. Damals hört er auch einen jüdischen Geiger, der die ersten Takte des Allegro molto aus Beethovens Quartett opus 59 spielt, bevor ihn Nazis in den Tod nach Treblinka schicken. Diese Melodie hat Reich-Ranicki nicht mehr vergessen können; mit ihr begann jede Sendung des Literarischen Quartetts.

Im Februar 1943 gelingt beiden schließlich die Flucht aus dem Getto. Und sie finden ein Versteck bei einem polnischen Bauern, der sie bis zum Eintreffen der Sowjet-Armee auch deshalb versteckt, weil der belesene junge Jude Geschichten erzählen kann. Stundenlang, wochenlang, monatelang. Das uralte Märchenmotiv aus Tausendundeiner Nacht wird hier brutale Wirklichkeit. Es ist die Geschichte von Scheherazade, die solange überlebt, wie sie erzählen kann.

 Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Das Schreiben und das Erzählen haben ihn gerettet. Auch das gehört zum paradoxen Schicksal dieses Mannes: Das Land der Dichter und Denker lehrte ihn jene Kulturtechniken und Fähigkeiten, die ihn im Land der Richter und Henker zu überleben halfen. Und in beiden Fällen war es Deutschland, ein doppelgesichtiges Land, das der junge Publizist Sebastian Haffner noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs scharfsinnig mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde verglich.

Reich-Ranicki ist nach eigenem Empfinden sowohl Dr. Jekyll als auch Mr. Hyde später noch begegnet. So nach seiner Zeit beim polnischen Auslandsnachrichtendienst, als er für die "Zeit" Kritiken zu schreiben beginnt, aber in der Redaktion nicht erwünscht ist. Und als er zur "FAZ" wechselt, findet er dort ein halb verwüstetes Büro vor.

Auf einem Empfang von "FAZ"-Mitherausgeber Joachim Fest wird er auch Albert Speer vorgestellt. Die Nazis hatten Reich-Ranickis Familie ermordert, und nun muss er einem engen Vertrauten Hitlers gegenüberstehen – sprachlos und versteinert. Er kündigt die Freundschaft mit Fest, wird sich später – auch aus anderen Gründen – mit Günter Grass entzweien, mit Walter Jens und Martin Walser, der ihn in "Tod eines Kritikers" nicht allzu freundlich bedachte.

"Verreißer"

Marcel Reich-Ranicki hat verschiedene Attentate überlebt, die – seiner Profession und Passion entsprechend – literarischer Natur waren. Bei Walser stirbt der Verleger, nicht der Kritiker; in Bodo Kirchhoffs "Schundroman" wird der Frankfurter Büchernörgler tatsächlich zur Strecke gebracht. Als der "Spiegel" 1993 Marcel Reich-Ranicki auf seinem Titelbild als "Verreißer" in Gestalt eines bisswütigen Hundes karikiert, mochte dies als geschmacklos gelten. Doch die Zeichnung nimmt an Grausamkeit zu, wenn ihr das berühmte Goethe-Zitat hinterlegt wird: "Schlagt ihn tot den Hund, er ist ein Rezensent."

"Ich war kein Deutscher und bin kein Deutscher, dadurch sind mir viele Enttäuschungen erspart geblieben", sagt er. Eher versteht er sich als Jude, "aus Trotz"; ein säkularer Jude, der nicht in die Synagoge geht. Auch im Judentum ist er ohne Heimat geblieben.

Der gefürchtete Kritiker, der im "Literarischen Quartett" Autoren mit schriller Emphase berühmt machte oder vernichtete (die Lyrikerin Ulla Hahn musste beides erleben), ist ein Ausgegrenzter geblieben. Zum 90. Geburtstag werden viele Gratulanten ihm das Gegenteil beweisen wollen. Eine Ausstellung mit Widmungsexemplaren und Autoren-Bildern aus seinem Besitz aber wird im Jüdischen Museum gezeigt. Das steht auf den Ruinen des früheren Frankfurter Gettos.


 
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