Salzburger Festspiele 2007: Viel Buhlschaft, wenig Netrebko
VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 28.07.2007 - 14:08Salzburg (RP). Das Programm der Salzburger Festspiele steht 2007 unter dem Titel "Die Nachtseite der Vernunft". Viele Prominente sind von Bayreuth weitergereist. Kanzlerin Angela Merkel wird morgen ihre Russisch-Kenntnisse brauchen können: Sie sieht die Premiere von Tschaikowskis Oper "Eugen Onegin".
Das Salzburger Festspielpublikum hat 2007 einen etwas begrenzten Zugriff auf seine Lieblinge. Die für die Abstrahlung von Glanz offenbar unentbehrliche Sopranistin Anna Netrebko ist ganze zwei Mal zu hören, und zwar in Domkonzerten mit Arien von Pergolesi. Dass ihr dabei die fast ebenso umbuhlte Elina Garanca sekundiert, erwärmt die Amateur-Connaisseure keineswegs.
Für diese Klientel ist Netrebko nur vollständig, wenn sie mit dem Tenor Rolando Villazón auftritt, der es aber vorgezogen hat, zwei Mal ein reines Zarzuela-Programm mit dem reifen Plácido Domingo vorzutragen. Andererseits mag dies ein Coup der Festspielleitung sein: Vier Abende sind so todsicher ausverkauft.
Salzburg begann erst Freitagabend Abend mit seinem Programm, also zwei Tage später als Bayreuth, und gibt damit den Prominenten die Möglichkeit, mit ein wenig Verlustierung in oder um Ingolstadt oder München herum weiterzureisen. Angela Merkel macht davon schon morgen Gebrauch: Österreichs Wirtschaftsminister Martin Bartenstein hat sie zur Premiere von "Eugen Onegin" eingeladen.
Dort wird die Kanzlerin einem lieben Nachbarn beim Arbeiten zuschauen: Daniel Barenboim, Chefdirigent der Staatsoper und Staatskapelle Berlin, wird am Pult stehen. Auch Thomas Gottschalk hat sich zu einem Salzburg-Abstecher einladen lassen. Er guckt sich mit Frau Thea heute die Premiere von Haydns Oper "Armida" an (die der an der Rheinoper bekannte und geschätzte Christof Loy inszeniert).
Seine Tickets bekam der Wettkünstler von Audi-Vorstand Ralph Weyler, auf dass er, Gottschalk, die nächtliche Audi-Gala auf dem Mönchsberg ziere. Das Sponsoring-Büro der Festspiele verhängte ansonsten über die Gästeliste das Gesetz des Datenschutzes, zeigte sich aber auf längeres Nachfragen immerhin bereit, die Ankunft der Begum Aga Khan in Aussicht zu stellen.
Jürgen Flimm feiert seinen Einstand als Intendant, ist aber in Salzburg kein Neuling mehr. Er hat hier bereits den Schauspieldirektor gegeben, zudem ist er einer jener Global Player, die man zeitgleich in Berlin, Wien, Salzburg, Zürich und bei der Ruhrtriennale anzutreffen meint.
Für seinen ersten Jahrgang hat er das Gesamtprogramm unter das Motto "Die Nachtseite der Vernunft" gestellt, womit die meisten Festspiel-Touristen a priori wenig anfangen können - aber hinterher sind sie, hofft Flimm, klüger als zuvor.
Seine Einführung im Gesamtprogrammheft beschließt Flimm mit der sibyllinischen Aufforderung: "Wir freuen uns auf Sie, auf Ihren Beifall und Ihre Kritik." Die österreichischen Medien, in Salzburg traditionell zur Hochform auflaufend, werden das schon richtig verstehen. Das Programm ist fraglos komplex.
Freitagabend gab es Thomas Bernhards frühe Salzburg-Schelte "Ein Fest für Boris", die in Salzburg noch nie zu sehen war. Die Inszenierung ist eine Co-Produktion mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus. Nadine Geyersbach stand in der Rolle der Johanna auf der Bühne, ab 16. September läuft das Stück dann in Düsseldorf.
Montag folgt die Theater-Mixtur "Molière. Eine Passion" von Luk Perceval, dann kommt ein neuer "Sommernachtstraum". Der "Jedermann" ist eine Wiederaufnahme und bezieht seinen Glanz einzig von Marie Bäumer als neuer Serien-Buhlschaft.
In der Oper kommen außerdem noch ein neuer "Freischütz" und Berlioz' Künstleroper "Benvenuto Cellini"; der "Figaro" wird aufgewärmt. Manchmal schmeckt Aufgewärmtes besser als zuvor.
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