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Interview mit Reinhard Jirgl: "Vom Schreiben kann ich nicht leben"

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 26.08.2010 - 07:31

(RP). Der Berliner Schriftsteller Reinhard Jirgl (57) wird im Herbst mit Deutschlands renommiertester Literatur-Auszeichnung geehrt: dem Georg-Büchner-Preis. Dennoch führt er eine unsichere Existenz und wird für seine Arbeit auch künftig auf Stipendien angewiesen bleiben.

Zu DDR-Zeiten war es für Reinhard Jirgl nicht vorstellbar, Schriftsteller zu werden. Dabei hatte er schon sechs Romane geschrieben, aber keiner durfte erscheinen. Noch weniger vorstellbar dürfte es für ihn damals gewesen sein, dass er einmal mit dem renommierten Georg-Büchner-Preis geehrt wird. Genau das wird am 23. Oktober im Staatstheater zu Darmstadt geschehen.

Haben Sie beim Mauerfall daran gedacht, dass das endlich die Geburt des Autors Reinhard Jirgl sein könnte?

Jirgl Das war für meine Schriftstellerei natürlich ein wichtiges Ereignis. Aber in diesen ereignisreichen Wochen habe ich das Schreiben einfach vergessen. Der Fall der Mauer war eine ungeheure Befreiung für mich – von dieser Stickluft, dieser Starre und Gefahr! Man wusste aber auch nicht, wie es weitergehen sollte; das wusste damals wahrscheinlich keiner. Auf die Idee jedenfalls, dass es im Verlauf eines Jahres eine deutsche Einheit geben könnte, dürften damals nur wenige gekommen sein.

Ohne Hoffnung, dass Ihre Bücher dann veröffentlicht werden können?

Jirgl Die ist erst im Laufe der Zeit gewachsen und hat sich dann zunächst als Illusion erwiesen. Schließlich gab es auch in diesem Zusammenhang keine sogenannte Stunde Null. Die Plätze in den Verlagshäusern waren auch für ostdeutsche Autoren natürlich längst verteilt, zum einen auf die namhaften Staatsschriftsteller, zum anderen auf deren Gefolgsleute. Zumindest blieb mir die Gelegenheit, mich jetzt selbst zu bewegen. Ich war also nicht mehr auf die unkontrollierbaren Machenschaften der Ost-Verlage angewiesen. So bin ich mit meinem Bauchladen durch die westdeutsche Verlagslandschaft gezogen.

Was war das für ein Schreiben zu DDR-Zeiten, als Sie wussten, dass Sie ausschließlich für die eigene Schublade produzieren?

Jirgl Es war sehr frustrierend zu wissen, dass man das eigene Zeug auf absehbare Zeit nicht los wird. Aber es war auch hilfreich: nämlich dem erstickenden DDR-Leben irgend eine vitale Kraft von sich selbst entgegenzusetzen. Für mich, den gelernten Elektroniker und literarischen Seiteneinsteiger, war es das Schreiben von Texten. Das hatte eine stabilisierende Wirkung. Und einen Vorteil hatte es am Ende auch: Denn ich war mit meinen Texten und Konzepten nur für mich als einzige Instanz verantwortlich. Ich musste keine Rücksichten nehmen – eine Teststrecke, von der ich heute noch zehre.

Dazu gehört vermutlich auch das in Ihre Texte eingebaute Zahlen- und Zeichensystem. Resultiert dieser Code, diese Geheimsprache, aus den Erfahrungen mit dem Überwachungsstaat DDR?

Jirgl Ganz gewiss hat das seine Wurzeln in meinen Erfahrungen mit der DDR. Wobei ich in meiner Systematik nur mit dem Zeichen- und Ziffernvorrat unserer Schrift umgehe. Das findet man auf jeder Schreibmaschine. Es ist also keine Geheimsprache, sondern der alphanummerische Code, wie er jeder verschriftlichten Kommunikation dient.

Auffallend ist zudem die Illusionslosigkeit vieler Ihrer Geschichten.

Jirgl Ich bin 1953 geboren und gehöre zur ersten Nachkriegsgeneration. Und die ist östlich der innerdeutschen Grenze in jede Form von Krise hineingewachsen. Bei mir war es halt der Sozialismus, der mir den Alltag so bitter, böse und stumpf gemacht hat. Dieses System hat in keiner Weise einen Hoffnungshorizont eröffnet. Meine innere Kündigung habe ich daher früh vollzogen. Es gibt eine "Eingeweide-Antipathie"; und das Gegenteil: die physiologische Sympathie. Diese stelle ich bei der Lektüre von Büchner-Texten fest.

Wie ist das für Sie, wenn man vom Schreiben plötzlich leben kann?

Jirgl Das kann ich nicht.

Trotz all Ihrer Erfolge? Immerhin sind Sie Träger von bereits 13 namhaften Literaturauszeichnungen.

Jirgl Das ist ein völliger Irrtum. Ich könnte nicht annähernd vom Verkauf meiner Bücher leben. Wovon ich lebe, das sind Stipendien, für die ich mich zum Teil bewerben muss – wie um eine Arbeitsstelle. Manchmal bekommt man sie, manchmal eben nicht. Und auf Preise kann man nicht bauen. Daher ist meine Existenz, wie ich sie führe, sehr unsicher. Wobei ich bisher wirklich Glück gehabt habe.

Ist das eine Last für Sie oder können Sie daraus positive Kräfte schöpfen?

Jirgl Wenn Sie mir vor ein paar Jahren gesagt hätten, wie ich jetzt lebe, hätte ich Ihnen geantwortet: Sie müssen schwachsinnig sein. Mittlerweile akzeptiere ich diese Problematik. Die Tatsache, dass ich mich mit Stipendien um mein Auskommen kümmern muss, ist also nicht mehr niederschmetternd oder bedrückend. Es spielt irgendwann keine Rolle mehr, dass man keine sogenannte Planungssicherheit hat. Eine Wachsamkeit gegenüber materiellen Untiefen, die einen bedrohen, ist natürlich geblieben.

Sie haben zu DDR-Zeiten unter anderem bei der Volksbühne als Beleuchtungstechniker gearbeitet. Das ist ja eine Tätigkeit von fast symbolischer Bedeutung zu der damaligen Zeit . . .

Jirgl . . . um Gottes Willen, nein. Ich wollte nur Zeit zum Schreiben haben. Und ich musste ein Einkommen vorweisen, was wichtig war, sonst wäre ich in der DDR wegen Asozialität und nicht-sozialistischer Lebensführung eingesperrt worden. Dabei hatte ich es ja noch gut im Vergleich zu dem armen Wolfgang Hilbig, der es als Heizer viel ekelhafter hatte als ich. Das hätte ich körperlich gar nicht durchgestanden. Deshalb war das Beleuchter- und Techniker-Dasein für mich die ideale Lösung – für diese Jahre wenigstens.

Quelle: RP

 
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