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Hildegard Behrens gestorben: Wagners zarteste Maid

VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 20.08.2009 - 07:57

Tokio (RP). Im Alter von 72 Jahren ist die Sopranistin Hildegard Behrens in Tokio an einer Hirnblutung gestorben. Sie war eine der großen Wagner- und Strauss-Sängerinnen des 20. Jahrhunderts. Zehn Jahre sang sie im Ensemble der Rheinoper.

1974 trieb die Neugier den Herrn von Karajan in die Düsseldorfer Rheinoper. Während einer Probe nahm er in einer hinteren Reihe Platz, um auf den Einsatz der Sopranistin zu warten. Kaum hatte er ihre ersten Töne gehört – als Marie in Bergs "Wozzeck" –, stieg er wieder ins Taxi zum Flughafen. Später soll er zu Vertrauten gesagt haben: "Zehn Jahre habe ich auf eine Salome gewartet. Vielleicht habe ich sie gefunden." Drei Jahre musste die Gefundene auf ihre Mission warten, dann schickte er sie im Sommer 1977 auf die Bühne der Salzburger Festspiele – als Salome. Es war Hildegard Behrens, und es war ein Triumph.

Wir können uns das gut vorstellen, wie die damals 40-Jährige – rank und schlank, künstlerisch immer fiebernd, obgleich bei klarstem Kopf, und von ihren Rollen fast emphatisch emporgehoben – in Salzburg einschlug: eben nicht wie eine in sich ruhende Heroine, die alle Waagen sprengte, sondern wie ein fein-nervöser Blitz, dessen Helligkeit und Leuchtkraft aus ihrem Innersten kamen und alles entzündeten, was sich in der Nähe aufhielt. Jetzt ist die große Künstlerin 72-jährig in Tokio an einer Hirnblutung gestorben, nachdem offenbar ein Aneurysma geplatzt war.

Vielseitig war sie schon als Kind. Sie war das jüngste neben fünf Geschwistern, wuchs im tiefen Niedersachsen auf, die Eltern waren Ärzte. Hildegard wurde, akademisch gesittet, zur Freiheit erzogen, daheim machte man natürlich Musik, doch ein Beruf sollte das einstweilen nicht werden. Zum Studieren ging sie weit weg – nach Freiburg – und belegte Jura (bis zum ersten Staatsexamen). Später sagte sie mal, sie hätte auch Innenarchitektin werden können. Und weil so viel Erlebnishunger in ihr war, sang sie während der Juristerei abends im Freiburger Bachchor, was ihr nicht minder Freude machte, nahm dann auch ein Gesangsstudium an der Freiburger Musikhochschule auf. Dort wagte sie ihren ersten Schritt auf eine Bühne.

Die Fans der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg wissen genau, wie diese allenfalls zart zu nennende Karriere weiterging. Grischa Barfuss holte die aufreizend begabte Sängerin 1971 ins Opernstudio, früh sah und spürte man ihre expressive Kraft. Bühnenpräsenz: Hildegard schien das Wort neu erfunden zu haben. International für Aufsehen sorgte ihre Agathe in Webers "Freischütz". Dann kam irgendwann der Herr von Karajan und pflückte die Knospe, um sie anderswo aufblühen zu lassen. Trotzdem blieb die Behrens der Rheinoper bis 1981 treu und kehrte auch später immer mal wieder an das Institut zurück, dem sie so viel zu verdanken hatte.

Zwischenzeitlich hatte sie sich in der weiten Welt eingerichtet, Solti engagierte sie 1983 als seine Brünnhilde für Bayreuth – und nicht wenige gab es, die damals doch ein wenig schluckten. War die Behrens denn eine Hochdramatische? Hatte sie die Durchschlagskraft? Nein, die hatte sie nicht, sie war eine durch und durch lyrische Sopranistin, aber sie besaß eine Energie, die ihre Stimme ertüchtigte, selbst über den dicksten Strauss- und Wagnerorchestern wie eine glühende Feder schweben – oder eben wie ein Blitz.  Dieses Ansinnen gelang so oft, wenn auch nicht immer, weil Hildegard Behrens keine rustikale Sängerpersönlichkeit war, die sich mit der Stimme als solcher zufrieden gab. Sie wollte Charaktere erkunden, Menschenschicksale erzählen, als Brünnhilde war sie von einer verzehrenden Intensität, die einen nicht nach mancher Anstrengung in der Stimme fragen ließ; sie konnte nicht lauwarm sein, weder an der Rheinoper noch an der Met, geschweige denn in Bayreuth oder Salzburg. Dort waren es immer wieder große vokale Kraftübungen und große Lebensstudien, die sie mit ihrer Isolde, ihrer Elektra, ihrer Leonore, ihrer Kundry aufriss. Manche Kritiker meinten, sie habe eigentlich fortwährend über die Verhältnisse ihrer Stimme gesungen. Andere Fachleute entgegneten diesem schnöden Urteil zu Recht, dass diese Rezensenten wohl nicht in der Lage seien, mit den Augen zu hören.

Hildegard Behrens war klug beraten, dass sie sich irgendwann ihr eigenes Urteil über den Zustand ihrer Stimme machte. Sie holte tief Luft und wechselte ins Charakterfach. Völlig selbstverständlich übernahm sie etwa die Küsterin in Janáeks "Jenufa". 1999 hatte sie die weibliche Hauptpartie in Luciano Berios Oper "Cronaca del Luogo" in Salzburg gesungen, die Berio eigens für sie komponiert hatte.

Salzburg war ihr immer hold gewesen. Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler sagte gestern: "Die schwarze Fahne, die heute am Festspielhaus weht, ist ein winziges Zeichen für die große Trauer und Dankbarkeit, die uns erfüllen."

Quelle: RP

 
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