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Satire-Zeitschrift feiert Jubiläum: Warum wir Titanic brauchen

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 02.10.2009 - 07:36

Düsseldorf (RP). Vor 30 Jahren wurde Deutschlands bösestes Satiremagazin gegründet. Sein Jubiläumsmotto: "Wir sind dagegen – und das seit 1979!" Titanic erfand die Birnenform für Kohl, legte Gottschalk rein und holte die Fußball-WM nach Deutschland – behauptet Titanic.

Zum Geleit: Wer eine faire und ausgewogene, differenzierte und also objektive Berichterstattung schätzt (ein Anliegen übrigens von großer Berechtigung), dem sei ausnahmsweise geraten, an dieser Stelle nicht weiterzulesen und auch die vielen Abbildungen nahebei ganz außer Acht zu lassen. Also keine Zeile mehr. Ab jetzt.

(Kurze Pause zum Wegklicken)

Zum weiteren Geleit: Ab hier geht es um Titanic, also um alles, was die Welt nicht braucht und hoffte, es auch nie hören zu müssen. Wie eben die adrette, aber indigniert dreinschauende Dame im Titanic-Cartoon von Matthias Sodtke, die von einem Herrn auf der Straße angesprochen wird: "Ja, leck mich doch am Arsch! Ist das nich' meine alte Benimmlehrerin?"

Genau so ist Titanic, das Satiremagazin aus Bockenheim (eine Art Metropole, die aber vollständig von Frankfurt eingeschlossen ist): unkorrekt und bösartig, gemein, niederträchtig und hinterhältig. Wie eben fast jeder von uns, wenn er gerade mal nicht sehr korrekt, unheimlich lieb und wahnsinnig fair ist. Titanic ist die Schattenseite unserer Seele, die uns deshalb laut losbrüllen lässt, weil auf der Sonnenseite der Gutmenschlichkeit bestenfalls geschmunzelt werden darf. "Pardon" (übrigens das Vorgängerblatt von Titanic), wir schweifen ab. Darum nun jene Eckpfeiler der Weisheit, die das Satiremagazin seit 30 Jahren deutschem Grund und Boden (in den Grenzen von 1949 beziehungsweise 1990) einschlägt:

1. Alle Buntstifte schmecken gleich

Am 3. September des Jahres 1988 trat der ungekrönte "Lutsch-König" in "Wetten, dass . . .?" auf. Er könne die Farbe von Stiften am Geschmack erkennen, sagte er und nuckelte an dem von Gottschalk gereichten Schreiber. Alle Farben richtig – aber alles gelogen. Denn der Mann, Bernd Fritz, war Titanic-Chefredakteur und hatte an der Augenabdeckung einfach vorbeigeblinzelt. Toller Trick. Aber Gottschalk stand dumm da, und Fritz hatte Stoff für eine neue Ausgabe.

2. Ostdeutschland ist doch anders

Das Titelblatt der Ausgabe Nr. 11 von 1989 führte uns vor Augen, wie es sich hinter der Mauer lebte – mit Zonen-Gaby (17), die eine Schlangengurke hochhält und jubiliert: "Meine erste Banane". Blöd, oder? Eine Folge davon war, dass 2004 Titanic-Redakteure die "Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative" gründeten. Deren politische Hauptforderung: Wiederaufbau der Mauer und endgültige Trennung beider deutscher Staaten. (Die Partei wurde nicht zur Wahl zugelassen.)

3. Gespenstisch: Kohl wird Birne

Kohl ist Kohl, dachten die Deutschen über ihren Kanzler. Bis der große Titanic-Zeichner Hans Traxler sich seiner annahm und der Stift wie von Geisterhand geführt zur Form der Birne fand. Fortan galt sie landauf, landab als Zeichen seiner spezifischen Physiognomie und wahrscheinlich auch als Sinnbild seiner fruchtbaren Politik.

4. Ein Praktikant steigt auf

Leo Fischer ist seit einem Jahr Chefredakteur von Titanic. Vorher war er Praktikant. Sein Ziel: "Ich hoffe, mich innerhalb von fünf Jahren ordentlich bereichern zu können." Wenn nicht? "Dann sorge ich dafür, dass kein qualifizierter Nachwuchs zur Verfügung steht, versuche mich unangreifbar und unersetzlich zu machen." Also: Allgemeine Obacht vor Praktikanten.

5. Fußballer sind komisch

Ohne Titanic kein Sommermärchen – behauptet Titanic. Im Jahre 2000 manipulierten Titanic-Redakteure per Fax mit einem gewollt dilettantischen Bestechungsversuch die Entscheidung des Weltfußballverbandes über den Austragungsort der WM 2006: Die "Bestechungsfaxe" sollen zur Enthaltung des Fifa-Vertreters Charles Dempsey geführt haben, wodurch Deutschland möglicherweise den Zuschlag erhielt. Der DFB fand das ebenfalls recht lustig und drohte darum dem damaligen Titanic-Chefredakteur Martin Sonneborn mit einer Schadensersatzforderung in der Höhe von 600 Millionen D-Mark.

6. Kommunisten irgendwie auch

Der Wahlerfolg der Linkspartei ist auch ungeheuer komisch. Darum hat Titanic fürs neue Heft Redakteure (prima als CIA-Agenten getarnt) ins Saarland geschickt – zur Kommunistenjagd. Halali Oskar.

Quelle: RP

 
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