Religion: Wie der Karfreitag evangelisch wurde
VON JENS VOSS - zuletzt aktualisiert: 20.03.2008 - 13:07Düsseldorf (RP). Der Karfreitag ist der höchste evangelische Feiertag - das stimmt, und es stimmt nicht. Es stimmt nicht, weil der Karfreitag ohne Ostern nur ein Freitag ist und Jesus ohne die Auferstehung ein bedauernswerter Mensch, der wie so viele von der römischen Justizmaschinerie getötet wurde.
Jesus minus Ostern, also ohne Auferstehung - dieser Mann kann bestenfalls (wie in der Aufklärung) als Weisheitslehrer mit einer menschenfreundlichen Ethik verehrt werden. Folgerichtig galten Ostern und die Auferstehung vielen Rationalisten des 18.und 19. Jahrhunderts nur als fromme Legende.
In christlicher Sicht aber steht Karfreitag für eine Katastrophe, weil das Kreuz auch von Gottvergessenheit der Welt zeugt. Und Ostern steht für die Erlösungstat Gottes, in der jene Gottvergessenheit vergeben und das Todesschicksal der Menschen gewendet wird. Wenn überhaupt, dann ist sachlich und dramaturgisch Ostern der höchste Feiertag - egal, welcher Konfession man angehört.
Dennoch ist jenes Wort vom höchsten Feiertag der Protestanten nicht ganz falsch, und das hat historische Gründe. Der Karfreitag war lange Zeit weder bei den Katholiken noch bei den Protestanten liturgisch betont. In der katholischen Kirche ist der Karfreitagsgottesdienst bis heute „aliturgisch“, also ohne Eucharistie. Auch die Reformatoren haben diese Praxis zunächst übernommen.
Erst im 17. Jahrhundert gewann der Tag bei den Evangelischen an Bedeutung - weil die Hochschätzung für Bußtage wuchs. Seit dem 18., vor allem dem 19. Jahrhundert ging dann im Zuge rationalistischer Ansätze in der Theologie die Abendmahlsfrömmigkeit zurück.
Die Protestanten feierten immer seltener Abendmahl; die Reformierten nur viermal im Jahr. Der Karfreitag schälte sich schließlich als ein solcher Tag des Abendmahls heraus. Der Alt-Präses der Rheinischen Kirche, Manfred Kock, erzählte einmal, er könne sich noch erinnern, wie sein Großvater einmal im Jahr in schwarzem Anzug zum Abendmahl gegangen sei - an Karfreitag.
So wurde der Karfreitag im 19.Jahrhundert zu einem identitätsstiftenden Konfessionsmerkmal der Evangelischen - mit den bekannten Folgen kleinerer Nickeligkeiten auf beiden Seiten. Bis in die 50er-Jahre, so kann man immer wieder hören, haben Katholiken mancherorts an Karfreitag demonstrativ Wäsche gewaschen und zum Trocknen aufgehängt.
Die Protestanten haben dann an Fronleichnam während der katholischen Prozessionen zurückgewaschen und -gehängt. Vorbei. Seit den 70er-Jahren hat die Abendmahlsfrömmigkeit auch bei den Evangelischen wieder zugenommen - das Abendmahl wird mindestens monatlich gefeiert.
Zudem lässt sich seit zehn, 15 Jahren eine Renaissance der Osternacht beobachten. Viele evangelische Gemeinden feiern den Samstagabend mit einem stimmungsvollen Gottesdienst bei Kerzenschein und lassen die Nacht mit einem Osterfeuer ausklingen. Das ist ein bedeutsamer Trend: Der Karfreitag verliert im protestantischen Raum an Bedeutung; Ostern rückt stärker ins Zentrum. Katholiken und Protestanten sind sich in diesem Punkt sehr nahe gekommen.
Am Ende geht ohnehin es nicht darum, Ostern gegen Karfreitag auszuspielen. Denn auch dies muss man sagen: Ohne Karfreitag ist Ostern nicht voll und tief zu begreifen. Auch das gilt wiederum für beide - für Katholiken wie für Protestanten.
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