Bestseller kommt ins Ausland: Wie Übersetzer mit Juli Zeh zu kämpfen haben
VON LESLIE BROOK - zuletzt aktualisiert: 01.09.2010 - 09:17Düsseldorf (RP). Autorin Juli Zeh arbeitete jetzt im Europäischen Übersetzer-Kollegium mit sieben Übersetzern ihres Buches "Corpus Delicti" zusammen. Es soll unter anderem ins Chinesische und brasilianische Portugiesisch übersetzt werden. Das erweist sich alles andere als einfach. So feilten Autorin und Übersetzer unter anderem an einer Übertragung der teilweise juristischen Sprache.
Exakt bis Seite 21 ist sie gekommen, bis zu dem Satz: "Siehst du Driss, die Pollsche liest den Gesunden Menschenverstand." Dann hat die Taiwanesin Wei Tang innegehalten, an diese Stelle ein buntes Post-it geklebt und das Buch erst mal zugeklappt.
"Was ist der gesunde Menschenverstand", fragt die junge Übersetzerin nun Juli Zeh, die Autorin des Buches "Corpus Delicti", die ihr am großen eckigen Tisch im Europäischen Übersetzer-Kollegium gegenübersitzt. "Wir kennen das Wort für Vernunft und für den Verstand, aber was ist der gesunde Menschenverstand?" Um diese Frage zu stellen, hat die Taiwanesin eine lange Reise ins kleine Straelen am Niederrhein auf sich genommen.
In der chinesischen Sprache gebe es kein Wort für diesen Begriff, der die Alltagslogik des Menschen meint. "Man macht sich beim Schreiben keine Vorstellung davon, dass der Begriff des gesunden Menschenverstandes in anderen Sprachen nicht existiert", sagt Juli Zeh. "Menschen können nur das denken, wofür es auch ein Wort gibt. Es fehlt nicht nur das Wort, es fehlt die ganze Idee dazu. Welt wird erst durch Sprache definiert."
Es sind Sätze, Worte und Redewendungen wie diese, über die sich sieben Übersetzer des Zeh-Buches aus Belgien, der Türkei, Brasilien, Polen, Neuseeland, Schweden und Taiwan bei einem Atriumsgespräch austauschen. Sie beraten einander und erklären Varianten.
Unter ihnen sind erfahrene Juli-Zeh-Übersetzer wie die Polin Slawa Lesiecka, die alle bisher erschienenen Bücher der Juristin übersetzt hat. Aber auch junge Übersetzer wie die in Neuseeland lebende Britin Sally-Ann Spencer, deren erste Zeh-Übersetzung "Corpus Delicti" sein wird. Häufig ist es leicht, ein englisches Äquivalent zu finden, sagt Spencer. Doch die Auswahl an Übersetzungen für den Zeitungstitel "Gesunder Menschenverstand" ist groß: The Common Sense, The Healthy Mind oder Logic Dictates. "Mir gefällt The Healthy Mind" sagt Zeh. "Das passt zu meiner Idee."
Gerade die vielen juristischen Begriffe, die in dem 260 Seiten starken Buch vorkommen, sind schwierig in andere Sprachen und Rechtssysteme zu übertragen, so die Flämin Hilde Keteleer. In den Niederlanden gibt es keine Schöffen, im Buch sehr wohl. "Normalerweise muss ich mich als Flame dem holländischen Markt anpassen, dieses Mal ist es andersherum", sagt sie und lacht. Sie hat den belgischen Begriff "Hof van assisen" für die Übersetzung benutzt. Die niederländische Ausgabe ist die einzige schon erschienene Übersetzung.
Juli Zeh und Heide Keteleer haben einander viele E-Mails geschickt. Heide hat gefragt und Juli geantwortet. Ein dicker Papierstapel liegt vor der Belgierin. "Liebe Hilde. Dann wollen wir mal wieder. / S. 79 in IHR atmet (letzte Zeile): Ist ,sie' die Welt oder ist es Mia? / Das ist die Welt." So geht es seitenweise. Sich direkt austauschen und diskutieren können die Übersetzer mit der Autorin im Kollegium direkt neben der Kirche des Ortes.
Florian Höllerer, Gründungsdirektor des Literaturhauses Stuttgart, moderiert das Gespräch. Mehr als eine Stunde reden die in- und ausländischen Übersetzer allein über den Titel und den Untertitel des Buches. "Corpus Deliciti. Ein Prozess." Schon wieder so ein kniffliger Fall. "Diesen Begriff kennen wir in China nicht", sagt Tang. Aber in Berlin habe sie Mülleimer entdeckt mit der Aufschrift "Ein Corpus für jedes Delikt". Im Türkischen gibt es keine lateinischen Worte, und im Polnischen existiert dieser Begriff nicht in einer umgangssprachlichen Bedeutung für einen "schlecht gelaufen Sachverhalt, für das störende Element, den Sand im Getriebe", wie Zeh sagt.
Sie schlägt einen alternativen Titel vor: "Die Methode". Denn es geht um Staatsprinzipien, eine Anti-Utopie, die schon jetzt erkennbar ist. Der Untertitel "Ein Prozess" sei gar kein Untertitel, sagt die 36-Jährige dann. "Ich habe es Prozess genannt, weil ich ein schlechtes Gewissen hatte, es Roman zu nennen." "Der Prozess" könnte auch diese Übersetzer-Runde betiteln. Zeh, selbst Tochter einer Übersetzerin, sagt: "Übersetzen ist die Herausforderung, das Sprachverhalten zu erkennen und die Effekte zu transportieren." Wei Tang hat Inspiration geschöpft. "Morgen mache ich weiter." Mit Seite 22.
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