"La porta della legge": Wuppertal: Kafka als Oper
VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 27.04.2009 - 12:02Wuppertal (RP). Alle Macht geht vom Volke aus? Die Wahrheit ist profaner, grauenhafter: Alle Macht geht von den Pförtnern aus. Wie jeder Normalbürger aus leidvoller Erfahrung weiß, können sie einen reinlassen, schikanieren, für zu jung befinden, wegschicken, in die Warteschlange zurückbefehlen, gänzlich die Begründung verweigern. Sie können einen am ausgestreckten Arm verhungern lassen.
In Franz Kafkas Erzählung "Vor dem Gesetz" dauert dieses Machtspielchen längstmöglich: das ganze Leben eines Bittstellers lang, der an einem Pförtner verzweifelt. Wenn der Wartende stirbt, hat auch der Wächter ausgedient. "Dieser Eingang", brüllt der Türhüter dem Sterbenden am Ende entgegen, "war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn."
Der italienische Komponist Salvatore Sciarrino hat diesen Text (aus dem "Prozess"-Fragment), der typisch kafkaesk ist – geheimnisvoll, von Vergeblichkeit parabelnd –, ebenso gelesen, wie Legionen von Deutschschülern ihn gelesen haben: verwirrt, andächtig, religiös umdüstert. "Türhüter" ist ein Wort aus der Bibel, es klingt nach Passion. Was das "Gesetz" ist, hat noch keiner begriffen. Eine Behörde? Die Registratur des Lebens? Der Brunnen der Erkenntnis? Jedenfalls eine riesige Sache, die den kleinen Menschen domhaft überragt. Vielleicht wusste Kafka es selbst nicht und hat heimlich gelacht, als er sich seine späteren Deuter vorstellte.
Sciarrino komponiert den Text in seiner Oper "La porta della legge" als Rückblick eines Sterbenden, der vom manischen Versuch seines Lebens berichtet. Die Musik, die Sciarrino diesem Sisyphos und seinem Peiniger mitgibt, besteht aus einem einzigen Seufzen, Bibbern, Röcheln – auf der Lautstärkeskala musiziert es sich ganz unten. Wobei: Musizieren kann man das nicht nennen. Es sind Halbtonschleifen, Ächzer, Geräusche aus dem Tunnelsystem des Leiblichen. Das Schlagwerk und die Bässe rumoren. Man braucht ein sehr gutes Orchester, damit diese Partitur toll klingt. Das in Wuppertal unter Hilary Griffiths ist es.
Die Uraufführung ist ohnedies wunderbar, hinreißend, dauert 70 Minuten, von denen man keine einzige missen will. Johannes Weigand hat eine so einfache wie geniale Lösung für dieses lebenslange Einlassbegehren gefunden, das in der Oper zweimal abläuft. Botschaft: Jedem kann es passieren. Zuerst befinden sich auf der Bühne nur ein Mann, ein Türhüter, ein Stuhl und eine Tür. Ganz langsam wird die Tür größer, indem Wandelemente nach oben und zur Seite gezogen werden – bis am Ende der Mann nur noch in dieses irisierende Licht guckt, das zwischen ihm und dem Gesetz wabert. Beim zweiten Mann gehen die Elemente langsam zurück, diesmal aber stehen sie zwischen uns Zuschauern und der Spielfläche; der riesige Ausschnitt wird wieder zur Tür, bis am Ende eine Art Katzenklappe für einen Sterbenden übrig bleibt, dem sich der Türhüter auf Todeskussnähe nähern muss, damit wir ihn im Loch sehen können.
Diese Bildlösung ist würgend wie bei Edgar Allen Poe. Aber es ist nicht das Ende. Es folgt ein Epilog, der uns ruhig auf die Wand projizierte Särge bietet, die mit einem Paternoster auf und ab fahren. Es ist der Effekt des Bildschirmschoners.
Den starken Eindruck mehrt das rudimentäre Italienisch, das gesungen wird. Es sind Floskeln, lapidar, es ist viel Luft, damit die faule Orchesterluft hindurchpasst. Michael Tews (satter, böser Bass) legt den Türhüter wie einen von Macht gefüllten, leutselig-strengen Formalisten an, der sich über sein Opfer beugt wie ein Zoologe über ein seltenes Insekt. Ekkehard Abele und Gerson Sales als Mann 1 und 2 geben ergreifend zitternd zu Protokoll, dass die Barriere unüberwindlich ist. – Riesiger Beifall.
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