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Stockholm
Erzähler des bedrohlichen Alltags

Lars Gustafsson ist tot: Autor aus Schweden stirbt mit 79
FOTO: dpa
Stockholm. Der schwedische Autor Lars Gustafsson ist im Alter von 79 Jahren gestorben. Von Lothar Schröder

Wer Lars Gustafsson begegnete, konnte leicht den falschen Eindruck gewinnen, einem sehr freundlichen und darum auch sehr harmlosen, unbedenklichen Menschen gegenüberzusitzen. Doch in dem grundsympathischen schwedischen Erzähler schlummerte eine Zeitbombe, die sich in seinem Romanen und kleinen Geschichten entlud. Dass auch dies nicht mit einem Knall geschah, sondern sich eher wie eine Implosion anfühlte, schmälerte nicht den Effekt und die Wirkung seiner Bücher. Gestern ist mit Lars Gustafsson einer der ganz großen schwedischen Erzähler gestorben - im Alter von 79 Jahren. Nach kurzer Krankheit, heißt es, und im Kreis seiner Familie. Beides stimmt ein wenig versöhnlicher in einer wie immer unversöhnlichen Todesnachricht.

So ist es einem nach der Lektüre seiner guten Werke oft ergangen: Es war eine stille Unruhe, die sich von den Figuren auf den Leser heimlich, still und leise übertragen hatte und die einem plötzlich die ganz normale Welt unheimlich erscheinen, verdächtig und bedenkenswert werden ließ. Denn das ist Lars Gustafsson stets gewesen: ein Beschreibender unseres manchmal lausigen, bisweilen launigen, selten anmutigen und eigentlich doch bedrohlichen Alltags. Das erreichte er auch dadurch, dass er realistisch und aufreizend lakonisch erzählte und uns Typen servierte, die unauffälliger beziehungsweise unverdächtiger kaum sein konnten.

Eine davon ist Windy, eine Friseuse, die ihrem Kunden Geschichten erzählt. Der ist Professor und hört einfach nur zu. Aber das ist kein Geschwätz; Geschichten aus dem Totenreich sind es, Umweltkatastrophen und Verschwörungen werden prophezeit, bis nach und nach die Katastrophensignale lauter werden. Der Professor in diesem Werk von 1999 ist ziemlich alt; und er war ziemlich jung in der frühen großen Erzählung "Die Tennisspieler" rund um ein aus den Fugen geratenes Strindberg-Seminar an der University of Texas. Es war zugleich ein wichtiger Lebensabschnitt von Gustafsson, der als Poeta doctus über zwei Jahrzehnte in Austin lehrte.

Einer seiner stillsten, also unheimlichsten Bücher ist der "Nachmittag eines Fliesenlegers" geworden, in dem die Wechselfälle des Lebens an den Strukturen eines Fliesenspiegels abgelesen werden. Kein Leben ist unauffällig, hat uns Lars Gustafsson mit seinem Büchern und seinem eigenen Leben erzählt. Wir sollten ihn wieder lesen, am besten noch heute. Auch, um ihn auf diese Weise unsterblich zu machen. "Was hindert uns eigentlich daran, glücklich zu werden?", fragt Windy. Und der Professor: "Nichts". Auch das ist sein Vermächtnis.

Quelle: RP
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