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Kolumne "Eine Frage Des Stils"
Lauter!

Kolumne "Eine Frage Des Stils": Lauter!
FOTO: Phil Ninh
Düsseldorf . Vortragsreisende wissen ein Liedchen, ach was: ganze Arien von dieser Situation zu singen: Kaum haben sie das Podium erklommen, sich am Pult eingerichtet und das Auditorium begrüßt, erschallen aus der Ferne bereits lautstarke Rufe: "Lauter!"

Hierbei handelt es sich in der Regel um Menschen (meistens Damen), die unter der Volkskrankheit Presbyakusie leiden: Schwerhörigkeit. Solche Leute bekommen bei Vorträgen - wenn Lautsprecherboxen ja meistens korrekt auf Normalniveau eingestellt sind - akustisch nur wenig mit und hoffen, durch einen Ordnungsruf die für sie zuträgliche Lautstärke anmahnen zu können.

In solchen Momenten ist der Vortragende in einer prekären Situation. Einen lauten Redner will das restliche Publikum ja nicht hören. Falls er trotzdem lauter spricht, reagieren die Boxen verärgert und machen "Plopp". Geht er auf die Rufer nicht ein, folgen weitere Störungen. Gewiss könnte er zurückbellen: "Kaufen Sie sich ein Hörgerät, gnädige Frau!" Das indes wäre taktlos, wobei: Ebenso taktlos ist die Tatsache, dass sich Schwerhörige bei Vorträgen grundsätzlich in die hintersten Reihen setzen, um von dort - anonym aus der Deckung - ihre Imperative abfeuern zu können. Andererseits sind die Leute ja eigens gekommen, weswegen Höflichkeit und Charme ratsam scheinen.

In dieser Situation sollte der Vortragsredner einfach antworten: "In den ersten Reihen sind noch Plätze frei, bitte kommen Sie nach vorn. Da hören Sie bestimmt besser!" Das ist die stilvollste Replik: höflich, zugewandt, bombensicher. Natürlich wird niemand nach vorn kommen, denn dann müsste er sich öffentlich als schwerhörig outen. Aber fortan herrscht wenigstens Ruhe.

Selbstverständlich sind in den ersten Reihen nie Plätze frei, aber das brauchen die Leute in den hintersten Reihen ja nicht zu wissen.

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Quelle: RP
 
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