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Köln
Lehmans Geister auf dem Scherbenhaufen

Köln. Im Kölner Schauspielhaus feiert ein Stück über die Finanzkrise eine grandiose Premiere. Von Max Florian Kühlem

Trotz plakativer Passagen gehört "Lehman Brothers - Aufstieg und Fall einer Dynastie" sicherlich zum Besten, was dem Theater bislang zur Finanzkrise eingefallen ist. Der Mailänder Autor und Theaterleiter Stefano Massini hat den Text nach akribischen Recherchen über die Familiengeschichte als episches Langgedicht verfasst. Es ist die Geschichte der echten Menschen, die hinter jenem Unternehmen standen, dessen Insolvenz 2008 die Weltwirtschaft und ihr Finanzsystem in eine Krise gestürzt hat, deren Auswirkungen bis heute zu spüren sind.

Die Geschichte folgt einer stringenten Dramaturgie von fassbar zu unfassbar. Auch darum ist Stefan Bachmanns Inszenierung trotz einer Spielzeit von dreieinhalb Stunden äußerst kurzweilig und sinnfällig und gehört zu den Höhepunkten seiner bisher durchwachsenen Amtszeit.

Die Ur-Lehman-Brüder werden im Stück nur sehr sparsam charakterisiert: Henry Lehman (eigentlich Heyum, aber "in Amerika ändert sich alles") ist der Kopf, Emanuel der Arm und Mayer leidenschaftslos, "glatt wie eine Kartoffel". Hier interessiert nicht die Psychologie der Figuren, sondern ihre Symbolkraft. Wenn Henry vor dem Beamten der Einwanderungsbehörde um seinen Stempel bittet, dann steht er auch für all die Einwanderer aus dem sogenannten Alten Europa, die im 19. Jahrhunderts in der Neuen Welt ihr Glück versuchten.

Die Lehmans - Juden aus Rimpar in Bayern - leben von 1844 an den amerikanischen Traum im Südstaat Alabama. Sie bauen ein winziges Tuchwarengeschäft auf, steigen schließlich in den Handel mit Baumwolle ein und von New York aus auch in Kaffee und sogar Erdöl. Sie investieren in die Eisenbahn, die Rüstungs- und Unterhaltungsindustrie.

Im Kölner Depot, wo die deutsche Erstaufführung nach der Premiere im koproduzierenden Staatsschauspiel Dresden zu sehen ist, schnurrt die Handlung unter einem riesigen Zahnrad aus drei Sicheln oder Spitzhacken ab (Bühne: Olaf Altmann). Es erinnert an die Zahnräder, in denen Charlie Chaplin sich in "Modern Times" verfängt, aber auch an die Symbolik von Geheimbünden.

Das Tolle am akribisch-gehaltvollen Stoff und seiner sehr klaren Inszenierung mit einem hervorragenden, rein männlichen Ensemble ist, dass es vielleicht sogar jenen gefährlichen Spinnern, die immer noch von der jüdischen Weltverschwörung phantasieren, Wind aus den Segeln nehmen könnte.

Die Machtfülle des Unternehmens Lehman Brothers, aus dem irgendwann eine entgrenzte Investmentbank wurde, wird als Konsequenz aus nachvollziehbaren Entscheidungen innerhalb eines gültigen Systems erkennbar.

Ihr Hochmut und auch ihr Fall hat wenig bis nichts mehr mit dem Ursprungsgedanken der Lehman-Brüder zu tun. Mayer verstummt, als es keine Handelswaren mehr gibt, die er zählen kann. Geld, das aus Geld entsteht - das ist ihm zu abstrakt. Am Ende schauen sie als Geister auf den Scherbenhaufen, schlagen vor, ihm die Ehre eines jüdisches Totenritual zu erweisen, und kichern lautstark. Ihre Wurzeln und Traditionen sind längst mitgestorben.

Info Kartenbestellungen unter der Rufnummer 0221-28400

Quelle: RP
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