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Düsseldorf
Literarischer Nachruf auf Garzweiler

Düsseldorf. Nach fast 25-jähriger Arbeit hat die Schriftstellerin Ingrid Bachér jetzt ihren Roman über das Schicksal der Menschen im Braunkohletagebau-Revier beendet. In der nächsten Woche erscheint "Die Grube" – ein berührender Zeit-, Lebens- und Empörungsroman. Von Lothar Schröder

Ein komischer Titel ist das. Denn dieses monströse Braunkohletagebau-Revier rund um Garzweiler ist doch alles andere als bloß eine "Grube"! Denkt man. Bis das Wort langsam zu wirken und sich Seite für Seite zum letzten Loch zu wandeln beginnt. So ist die Grube nicht nur der Titel des neuen Romans von Ingrid Bachér, sondern zugleich dessen düstere, endzeitliche und bedrohliche Tonlage.

Und es beginnt tatsächlich mit einem Toten, einem Vermissten: Simon Aschoff aus Garzweiler, seit 18 Jahren verschollen, soll für tot erklärt werden. Wir schreiben das Jahr 2010, und Simons Schwester ergreift jetzt das Wort, dem Vermissten die Geschichte des Aschoffschen Hofes zu erzählen, der Auslöschung eines Dorfes, vom Untergang einer Landschaft, vom Zerfall der Welt.

Von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf gräbt sich Ingrid Bachér zu diesem großen Befund vor, und wenn das Schicksal einzelner Dörfler zum Sinnbild unserer Menschheitsgeschichte wird, scheint ihre Sprache zu explodieren. Vom "Totentanz der Häuser" ist dann zu lesen, vom "geschlachteten Land", vom "großen Erdtier"; und der Archäologe Marmelstein, der von den Baggern gewissermaßen herforscht, träumt von einer Sonde, die – tief hinabgelassen ins Erdreich – unsere Geschichte zutage fördern würde: im Torf konservierte Mumien, Abdrücke von Tieren in Lehmschichten, Eisenbeschläge, Äxte, Rüstungen und Schmuck, Grundwasserflüsse und uralte Muscheln, vielleicht sogar Spuren von Fabelwesen.

Und oben, an der Erdoberfläche, residiert die Gegenwart, die von all dem nichts mehr wissen will und 66 Quadratkilometer des Landes dem Tagebau preisgibt. Natürlich ist das keine Dokumentation, keine Analyse. Romane erzählen immer auch ihre eigene Geschichte, Romane sind nie ausgewogen, nie gerecht in einem objektiven Sinne. Und so steht Bachér mit ihrer Erzählerin auf der Seite der Menschen, die Haus und Hof verließen, die umsiedeln mussten, denen, weil ihnen im wahrsten Sinne des Wortes der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, Heimat verloren ging. "Die Grube" ist so zum poetischen Klagelied geworden.

Die 81-jährige Ingrid Bachér, ehemalige PEN-Präsidentin und Mitglied der Gruppe 47, hat dafür fast 25 Jahre recherchiert; sie hat 1987 das letzte Schützenfest in Garzweiler besucht, war dabei, als das Bürgerhaus in Neu-Garzweiler eröffnet wurde und die Musikkapelle von Rheinbraun "Freut euch des Lebens" anstimmte. Und sie hat immer wieder angefangen zu schreiben, hat vieles verworfen und irgendwann gemerkt, dass ihr Buch das brauchte, was es heutzutage kaum noch zu geben scheint: Zeit.

So archaisch die Erdzerstörung auch beschrieben wird, Bachér verliert nie die Menschen aus dem Blick, nie das Schicksal des Einzelnen. Sie beobachtet die Plünderer, die durch immer noch bewohnte Dörfer ziehen, wie Aasgeier, die noch "von den letzten Zuckungen eines verendenden Tieres" profitieren wollen. Und hinter ihnen kommen die Gutachter, die den Bewohnern der betroffenen Dörfer eine Entschädigung anbieten. "Schätzer" werden sie genannt. Für den Archäologen Marmelstein spiegelt sich auch darin der Lauf der Dinge: "Alles Geschehen hat drei Phasen, Vorgeschichte, Erfüllung, Nachspiel." Die Vorgeschichte ist bei Bachér eine Ahnung, die Erfüllung eine Erinnerung und das Nachspiel unsere Gegenwart. Der Mörtelstaub der abgerissenen Häuser liegt in der Luft.

Aber widerlegt ein Roman nicht die Auflösung der Welt, wenn er selbst sprachfunkelnd von all dem berichten kann? Konsequenterweise steht am Ende der Geschichte auch das Ende der Erzählerin. "Ich werde nicht mehr lange bleiben", heißt der letzte Satz. Und bevor auch sie verschwinden wird, gesteht sie dem toten Bruder noch dies: "Ich kann nicht mehr weiterschreiben, Simon."

Dieser berührende Zeit-, Lebens- und Empörungsroman kennt viele diskrete Motive, sorgsam erzählte Metaphern. Keine aber trifft so sehr wie der Abriss der Kirche von St. Pankratius, die man aus Pietätsgründen nicht sprengt. Stattdessen wird – vor 200 Augenzeugen – erst die Turmspitze abgehoben, dann folgt die Abrissbirne, wie sie zum ersten Mal gegen die Kirchenmauer kracht, "dumpf aufschlagend wie ein Pochen, das Einlass verlangt. Wir meinten, ein leichtes Beben zu hören. Doch blieb sie standhaft. Noch wäre die Kirche zu retten . . ."

Schwer zu glauben, dass dies irgendeinen Leser unbeeindruckt ließe.

Quelle: RP
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