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Serie Luther und die Reformatoren (3)
Luthers Vordenker

Serie Luther und die Reformatoren (3): Luthers Vordenker
„Das Abendmahl“ wurde von Lucas Cranachd. J. 1565 als Gedenktafel für Fürst Joachim von Anhalt gemalt (vorne links kniend) und hängt in der Johanniskirche in Dessau. Um Jesus ersammelt sind nicht seine Jünger, sondern Reformatoren: (v.l.) Caspar Cruciger, Justus Jonas, Johannes Bugenhagen und Martin Luther. Zwischen Luther und dem Heiland sitzt anstelle seines Lieblingsjüngers Fürst Georg III., der erste evangelische Bischof. Abweichend von der traditionellen Johannes-Ikonografie, so schreibt die Kunsthistorikerin Ruth Slenczka, ruhe er nicht an der Brust seines Herrn, sondern lehne sich mit den Händen an ihn und begreife so die Leiblichkeit Christi im Abendmahl. Zur Linken des Herrn finden sich (v.l.) Philipp Melanchthon, Johannes Forster, Johann Pfeffinger, Georg Maior und Bartholomäus Bernhardi. Auf der Bank vorn rechts sitzt Johann, der Kurfürst von Sachsen, hinter ihm bedient als Mundschenk Cranach selbst. Im oberen Bilddrittel stehen noch einige Adlige mittlerer Art und Güte herum. Wer Judas darstellt (auf der Bank vorn mit dem Beutel voller Silberlinge), ist unbekannt. Aber wer möchte schon gern Judas sein? FOTO: dpa
Bibelübersetzungen gab es schon vor Luther und die Kritik am Ablasshandel sowieso. Aber die Zeit war noch nicht reif. Von Jens Voss

Im Jahr 1179 kam es auf dem Laterankonzil in Rom zu einem heiteren Zwischenfall: Zwei Laien einer neuen Bewegung aus Frankreich baten darum, dass die Kirche ihren Lebensregeln den Segen gab, insbesondere die Erlaubnis zu predigen. Der englische Theologe Walter Map machte die Bittsteller lächerlich: Sie antworteten auf die Frage, ob sie an die Mutter Gottes "glaubten" (lateinisch credere), mit "Ja". Eine Blamage: Das Wort "glauben" war für Gott Vater, Gott Sohn und Heiliger Geist reserviert. Aus Sicht der Kurie eine Kuriosität am Rande. Die Bittsteller wurden entlassen, die Anhänger jener Bewegung etwas später exkommuniziert. Die selbst ernannten Prediger wollten vom Predigen nicht lassen.

Es handelte sich um Waldenser, die sich auf den Lyoner Kaufmann Petrus Waldes (gestorben um 1218) beriefen. Waldes nahm einiges vorweg, was in der Reformation Martin Luthers weltstürzend wirken sollte: Berufung auf die Schrift, Unmittelbarkeit im Verhältnis zu Christus, Ablehnung des Ablasses, Hochschätzung der Bibel in der Volkssprache und die Priesterschaft aller Gläubigen. Jeder kann Prediger sein. Doch die gleichen Gedanken, die bei Luther geschichtliche Wucht entfalteten, blieben ab 1179 eine Fußnote, auch wenn die Waldenser trotz Verfolgung eine kleine, aber historische beständige Bewegung blieben.

Das Beispiel zeigt wie viele andere, dass die Zeit reif sein muss für eine Idee. Vorläufer von Luther gab es viele. Schon die Apostel waren gespalten in einen judenchristlichen Flügel unter Führung von Petrus und dem Mann, der sich mit der Botschaft Christi der ganzen Welt zuwandte: Paulus.

Dabei blieb es: Wachstum und Macht der Kirche waren immer flankiert von Skepsis in das, was da wuchs und mächtig wurde. Die mittelalterlichen Bettelorden stellten der Pracht der Kirche selbstgewählte Armut entgegen. Die Devotio moderna war eine Erneuerungsbewegung seit Ende des 14. Jahrhunderts, in der die Christusbeziehung jedes Menschen betont wurde. Zu den bedeutendsten Werken dieser Epoche gehört die Schrift "Von der Nachfolge Christi" (De imitatione Christi; 1418) von Thomas von Kempen (um 1380-1471). Was hat er für erstaunliche Sätze geschrieben: "Wer von der Gnade Gottes unterwiesen worden ist, der wird sich nicht getrauen, sich selbst etwas Gutes zuzuschreiben, sondern wird vielmehr bekennen, dass er arm und von allem Guten entblößt ist." Das ist Luther pur; ziemlich genau ein Jahrhundert vor dem Auftakt der Reformation 1517.

So alt wie der Ablass ist auch die Kritik daran. Im Mittelalter wurde die Theorie vom Gnadenschatz der Kirche ausgebaut - je perfekter das System wurde, desto härter wurde auch die Kritik daran. Berthold von Regensburg (um 1210-1272) und der Regensburger Domherr Konrad von Megenberg (1309-1374) tadelten professionelle Ablassverkäufer.

Auch der tschechische Reformer Jan Hus (1372-1415) kritisierte das Ablasswesen; er wirkte an einer Bibelübersetzung ins Tschechische mit und propagierte eine Kirche, in der allein Christus der Herr ist. Überhaupt Bibelübersetzungen: Allein im deutschen Sprachraum sind vor Luther 14 hoch- und vier niederdeutsche Volltextausgaben und zahllose Teilausgaben erschienen.

Hus präludierte auch die Polemik Luthers gegen Rom: Häupter der Kirche waren ihm schlicht Glieder des Teufels. Der Abtrünnige Roms wurde schließlich auf dem Konzil von Konstanz nach einem schändlichen Wortbruch (Bruch der Zusage freien Geleits) verhaftet und als Ketzer verbrannt.

Hus hatte sich seinerseits auf den englischen Theologen John Wyclif (um 1330-1384) berufen. Auch er betonte die Gnade und bestritt die Machtansprüche des Papstes, auch er übersetzte die Bibel in seine Sprache. Freilich hatte er pantheistische Anflüge ("Alles ist Gott"), die ihn weit außerhalb der christlichen Tradition stellten. Dennoch stand er für eine Unmittelbarkeit jedes Gläubigen zu Gott und für das Recht auf eigenes Bibelstudium und damit für wichtige Punkte der späteren Reformation ein. Fast gespenstisch: Auch Wyclifs Kritik am Reichtum der Kirche inspirierte die Bauern seiner Zeit zu einem Aufstand. Wie Hus ist er auf dem Konzil von Konstanz posthum als Ketzer zum Tode verurteilt worden. Da er schon tot war, hat man seine Gebeine verbrannt.

Fachleute wie der protestantische Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann warnen mittlerweile davor, aus der Fülle der Vorläufer Luthers auf historische Zwangsläufigkeit zu schließen, gerade so, als liefe die Geschichte der Kirchenkritik folgerichtig auf Luther zu. Kaufmann relativiert das Selbstbild protestantischer Geschichtsschreibung, die gerne das Bild einer fundamentalen Krise der Kirche um 1500 malte und dem vermeintlich maroden Gebäude die Lichtgestalt Luther entgegenstellte.

Die Kirche, in der Luther aufwuchs, war nicht marode, betont Kaufmann, und auch kein Block. Das Zeitalter war vielmehr fiebrig vor religiöser Energie; vergleichbar mit einem Labor, in dem vieles brodelte. Kaufmann spricht von einem "offenen System Kirche" - eben dieses Milieu machte die Reformation und eine Gestalt wie Luther überhaupt erst möglich. Seine Reformation entwickelte in dieser Atmosphäre ungeheure Wucht, weil viele Faktoren zusammenkamen. Für die römische Kirche war die deutsche Reformation bei weitem kein Todesstoß. Vielmehr gelang ihr, was ihr schon viele Male gelungen war: Sie nahm von der Bewegung einiges auf und verwarf vieles andere.

Luther provozierte das, was heute Gegenreformation genannt wird - ein Kampfbegriff, der ursprünglich die gewaltsame Eindämmung des Protestantismus meinte. Er verdeckt aber, dass auch eine Mit-Reformation stattfand. Das, was an Luthers Kritik vereinbar war mit den Strukturen der römischen Kirche, wurde aufgegriffen: neue Innigkeit im Verhältnis zu Christus, Verbot des Ablasshandels mit Geld (1562 auf dem Trienter Konzil; aber unter Beibehaltung der Lehre vom Ablass und vom Gnadenschatz der Kirche), neue Betonung göttlicher Gnade. Nicht umsonst heißt der wichtigste Träger der Gegenreformation "Gesellschaft Jesu" und nicht "Gesellschaft des Papstes".

Das Unternehmen Mit-Reformation war ein Erfolg: Heute gibt es weltweit etwa 1,2 Milliarden Katholiken und rund 800 Millionen Protestanten. Luthers Stoß war kein Todesstoß, sondern ein Anstoß zu überlebenswichtigen Neuerungen.

Umgekehrt war die prägende Kraft Luthers nicht so groß, dass er den einen Gegenentwurf einer neuen Kirche geprägt hätte. Schon zu Lebzeiten Luthers zerfiel die evangelische Bewegung. Es gab Sozialrevolutionäre. Es gab radikale Konzepte, die die Hochschätzung des Wortes viel weiter vorantrieben, als Luther es je gewollt hat: Für die Reformierten um Zwingli war das Bibelwort alles und der Rest nur Zeichen. Das Abendmahl etwa: Wo Luther an die Realpräsenz Christi im gemeinsamen Mahl der Gemeinde glaubte, sah Zwingli nur eine Erinnerung an den Herrn. Reformierte und Lutheraner waren in diesem Punkt weiter auseinander als Katholiken und Lutheraner. Zur Erinnerung: Erst seit 1973 haben die protestantischen Kirchen in der Leuenberger Konkordie ihre Abendmahlsgemeinschaft besiegelt.

An die neue Sicht der Geschichte, für die Gelehrte wie Thomas Kaufmann eintreten, knüpfen sich auch ökumenische Hoffnungen. Luther war kein Unfall der Geschichte; er stand in einer langen Reihe von Denkern, die sich kritisch mit der Realität der Kirche auseinandersetzten. Die Kirche Roms erwies sich als wandlungsfähig; die Protestanten wiederum waren nie so weit weg von Rom wie der Pantheist John Wyclif. Darum reden wir heute auch zu Recht von Reformation und nicht von Revolution. Luther schuf nicht das ganz Andere, er kehrte zu den Anfängen zurück. Rom folgte ihm in wichtigen Punkten. In diesem Gleichschritt liegt die Zukunft der einen Christenheit begründet.

Quelle: RP
 
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