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Album der Woche
M83: „Junk“

Album der Woche: M83: „Junk“
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Unter dem Namen M83 produziert der Franzose Anthony Gonzalez die allerherrlichsten Wehmuts-Hymnen. Von Philipp Holstein

Es gibt Künstler, über die redet man eigentlich nicht so gerne, denn es handelt sich um Herzensangelegenheiten, und man möchte nicht, dass ihr Werk in falsche Hände gelangt. Wer also erst durch diesen Artikel auf die phänomenale Band M83 und ihre wunderschöne Platte "Junk" aufmerksam wird, möge versprechen, die Musik mit Wohlwollen zu hören und sie vor jenen zu schützen, die sagen, das sei Kitsch.

M83 ist in Wirklichkeit gar keine Band, sondern bloß ein Mann, und der heißt Anthony Gonzalez. Der Franzose ist 35 Jahre alt und sehnt sich ganz offensichtlich jeden Tag nach der Jugend, und das Drama seines Lebens besteht darin, dass er sich immer weiter von ihr entfernt. Aus diesem Dilemma schöpft er, dieser Schmerz inspiriert ihn, und deshalb schreibt er Musik, die klingt, als sei sie in den 80er Jahren aufgenommen, damals aber nie angehört worden. Man sehe sich nur mal das Cover zu seinem weise betitelten Album "Saturdays = Youth" (2008) an, auf dem er seine Kindheit in Südfrankreich verewigt: Die jungen Menschen, die da verloren herumstehen, sehen aus, als seien sie in den Kulissen des Films "Pretty In Pink" eingeschlafen, und nun wissen sie nicht, wo sie sind, und welcher Wochentag das ist.

M83 produziert Synthesizer-Nostalgie, sehr warme Stücke, sehr wehmütig, und sie erzählen von einer Vergangenheit, die es gar nicht wirklich gegeben hat, die sich aber im Kino, durchs Musikhören und Zeitschriftenlesen in der Erinnerung abgelagert hat, eine Instant-Rückschau also, die sich echt anfühlt.

"Junk" hat genau diese Stimmung, im Gegensatz zur Vorgängerplatte mit dem genialen Titel "Hurry Up, We're Dreaming" (2011) geht es allerdings etwas schräger zu. Als Inspiration dürfte die Musik von Fernsehserien der späten 70er und frühen 80er Jahre gedient haben. "Time Wind" etwa, für das Beck als Gastsänger auftritt, wirkt wie ein Lied aus dem Soundtrack von "Miami Vice". Und bei "Moon Crystal" denkt man direkt an den Vorspann einer Familienserie, in deren Zentrum eine belebte Küche in Kalifornien steht.

M83 mischt Italo-Disco, Yacht-Pop und Chillout, das ist nahe bei Tame Impala, Daft Punk und Washed Out, und die Sängerinnen Susanne Sundfør und Mai Lan haben großartige Auftritte. Die besten Stücke sind "Go!", "Atlantique Sud" und "Solitude". Man meint dem Album anzuhören, dass Anthony Gonzalez zuletzt vor allem Soundtracks produziert hat, für "Oblivion" mit Tom Cruise etwa, für "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" und "Divergent – Die Bestimmung". Jeder bestimmt hier selbst, was er sieht: M83 macht den Hörer von "Junk" zum Regisseur.

Jeder bestimmt hier selbst, was er sieht: M83 macht den Hörer von "Junk" zum Regisseur.
Allen sei nun dieses Album ans Herz gelegt. Zu treuen Händen, gewissermaßen. Aber gut drauf aufpassen, bitte.

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