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Magie aus dem Taktstock

Klassik-Neuerscheinungen für erhebende Momente: Kammermusik von Johann Sebastian Bach, Klaviermusik mit Walter Gieseking und Großartiges von John Adams. Von Wolfram Goertz

Kurz vor Weihnachten gibt es hier vom großen Stapel der Neuerscheinungen noch ein paar Kostbarkeiten, die im Wust der großen Namen vielleicht untergehen. Jede dieser CDs hat mich beim Hören berührt, beglückt, belehrt, überrascht. Möge es anderen Musikfreunden auch so gehen!

Erinnerung an den großartigen Pianist Walter Gieseking

Im Bereich der Musik funktionieren sie erstaunlich gut und schnell, die Reflexe. Ich nenne dir einen Namen, und du teilst mit seine bedeutendste Aufnahme mit. Bei Fritz Wunderlich werden viele an die "Schöne Müllerin" denken, bei Mirella Freni an die "Bohème" mit Luciano Pavarotti, bei Leonard Bernstein an die Mahler-Symphonien. Und bei Walter Gieseking denkt man eben an seine epochale Einspielung des Klavierwerks von Claude Debussy.

Der famose Pianist wurde 1885 in Lyon geboren und starb 1956 in London, war aber Deutscher. Lange Jahre hatte er eine Professur an der Musikhochschule Saarbrücken inne, was ein bisschen provinziell klingt angesichts der Bedeutung seines Klavierspiels. Möglicherweise war er einer der bedeutendsten Interpreten der Werke der sogenannten Impressionisten. Sein Spiel ist von kühler Eleganz, grandioser Deutlichkeit und dramatischer Expressivität. Jetzt sind bei Warner in einer feinen Fünf-CD-Box sämtliche Debussy-Aufnahmen Giesekings erschienen. Für Freunde luxuriöser Klarheit sind sie ein Fest.

Die Berliner Philharmoniker

ehren John Adams

Die Schublade der sogenannten Minimalisten hat er längst zornig zugestoßen, seine Musik bietet viel mehr als nur das emsige Rattern der Patterns. Der US-Amerikaner John Adams, 1947 im Ostküstenstaat Massachusetts geboren, ist ein Tüftler, der seine expressiven Klanggebilde freilich auf dem Boden der Repetition gewonnen hat. Adams ist diskografisch gut vertreten, doch jetzt kommt erstmals ein Supertanker wie die Berliner Philharmoniker und liefert das symphonische Hauptwerk Adams' in einer prächtigen Ausgabe. es sind "Harmonielehre", "Short Ride in a Fast Machine", "City Noir", "Lollapallooza", "The Wound-Dresser" und das Oratorium "The Gospel According to the Other Mary". John Adams war in Berlin anlässlich seines 70. Geburtstags der sogenannte "Composer in residence"

Das Spannende ist, dass bei der Edition (vier CD und zwei Blu-Ray-Discs mit Konzertmitschnitten) neben dem Komponisten am Dirigentenpult auch vier weltberühmte Maestri zu hören sind. Es sind Gustavo Dudamel aus Los Angeles, Alan Gilbert aus New York (beide haben oft und gut Adams dirigiert), Simon Rattle (der noch amtierende Chef der Berliner Philharmoniker) und sein Nachfolger Kirill Petrenko (von dem man gar nicht glaubte, dass er zu Adamas überhaupt eine Beziehung hat). Die Klangqualität ist außerordentlich: direkt, präsent, ungemein räumlich, trotzdem nie knallig (Adams liebt das schwere Blech) und in jedem Fall mitreißend (bei BPhR). Feines Rätselraten mit Musik des Barock: Von Bach oder nicht?

Das Bach-Werk-Verzeichnis (BWV) mit der Liste aller Werke von Johann Sebastian Bach ist die Bibel der Bach-Jünger, doch auch sie kommen bisweilen ins Wanken: Ist dieses Werk nun vom Meister oder nicht? Hat es einer unter seinem Namen an die Öffentlichkeit geschmuggelt? Hat er seinen hergegeben? Hat jemand in seinem Stil komponiert? Oder hat ein anderer Komponist seinen alten Bach einfach nur für andere Instrumente bearbeitet?

Solche Fragen werden gestellt und gleich gelöst auf der zauberhaften CD "BWV . . . or not? The inauthentic Bach" (erschienen bei Harmonia Mundi). Es wäre eine ärgerliche Fehlleistung, wollte ich jetzt verraten, wer hier in Wirklichkeit was komponiert hat. Ein bisschen Spaß muss sein. Da das Ensemble Gli Incogniti unter der Leitung von Amandine Beyer bravourös stilsicher aufspielt und auch den Nicht-Originalen seine ganze Kunst zukommen lässt, ist das klangliche Ergebnis verblüffend, erhebend, dem alten Bach und seinen Epigonen ganz und gar würdig.

Thriller aus dem Gefängnis: Dallapiccolas "Prigioniero"

Opern mit politischer Relevanz sind in der Musikgeschichte nicht rar, diese hier ist aber wohl die psychologischste: ein Thriller, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt und den man nur alle Jubeljahre auf der Opernbühne hört. Beethovens "Fidelio" ist ein Langweiler dagegen: Es handelt sich um den Operneinakter "Il prigioniero" (Der Gefangene) der italienischen Komponisten Luigi Dallapiccola (1904 bis 1975). Es geht um einen (politischen) Gefangenen, dem immer wieder Freiheit versprochen wird, der Hoffnung atmet und am Ende doch auf den Scheiterhaufen geführt wird. Er war zum Opfer einer grausamen Täuschung und Selbstentfremdung geworden.

Jetzt ist die Oper in einer beispielhaften Edition beim Label Oehms Classic erschienen - und zwar als Produktion der Grazer Oper, wo der junge Dirigent Dirk Kaftan als GMD (jetzt ist er in gleicher Funktion an der Bonner Oper angekommen) Großartiges geleistet hat. Eine fabelhafte Emsebleleistung!

Quelle: RP
 
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