| 07.03 Uhr

Moskau
Malewitsch gibt der Kunstwelt Rätsel auf

Moskau. Auf dem berühmten Schwarzen Quadrat wurde die Inschrift "Negerschlägerei in der Nacht" entdeckt. Von Bertram Müller

Bislang galt das Schwarze Quadrat des Russen Kasimir Malewitsch als Beginn der modernen abstrakten Malerei. Mochten andere wie sein Landsmann Wassily Kandinsky oder der Niederländer Piet Mondrian ihm auch um wenige Jahre zuvorgekommen sein - als Zeichen eines Wendepunkts in der Kunstgeschichte ist das Schwarze Quadrat selbst denen ein Begriff, die um moderne Kunst einen großen Bogen machen. Im Lauf der zurückliegenden 100 Jahre - das Werk gelangte erstmals 1915 an die Öffentlichkeit - hat die Kunstwissenschaft in aller Welt das Schwarze Quadrat mit so viel Tiefsinn aufgeladen, dass mancher die Nachricht kaum wahrhaben will: Mitarbeiter der Moskauer Tretjakow-Galerie, in der sich die erste Fassung des 79 mal 79 Zentimeter messenden Bildes befindet, wollen eine Inschrift entdeckt haben, die sich (in heutzutage politisch unkorrekter Weise) auf die reale Welt bezieht: "Bitwa negrow notschju", deutsch "Schlägerei von Negern in der Nacht". Dass Malewitsch sein "Quadrat" über zwei andere Bilder gemalt hatte und dass es sich in Wirlichkeit nicht um ein reines Quadrat, sondern nur um ein Viereck handelt, war schon länger bekannt. Die Inschrift auf dem weißen unteren Rand ist aber offenbar erst jetzt aufgefallen. Hat sich da womöglich ein Bediensteter des Museums einen Scherz erlaubt - oder hatte Malewitsch selbst Humor?

Darum ging es jetzt bei einem Malewitsch-Symposion, zu dem die Malevich Society nach New York geladen hatte. Die "Frankfurter Allgemeine" berichtete darüber, dass Irina Vakar, Kuratorin der Tretjakow-Galerie, den verwunderten Teilnehmern ein Foto zeigte, auf dem die Inschrift mit bloßem Auge zu erkennen war. Die meisten der versammelten Experten hielten das für einen Fall von Vandalismus, einige führten dagegen an, dass Malewitsch auch andere rein abstrakte Bilder mit Titeln versehen habe, die auf die Wirklichkeit Bezug nehmen: "Malerischer Realismus eines Fußballers" zum Beispiel.

Würde auf einem frühen Bild Mondrians ein flapsiger Spruch wie der von den "Negern in der Nacht" zum Vorschein kommen, wäre darum vermutlich erst gar kein Streit entbrannt. Ein solcher Titel hätte weder in Mondrians Persönlichkeitsbild gepasst, noch hätte man ihn sich neben solch gestrengen Bezeichnungen wie "Komposition 1 mit Rot, Geld und Blau" vorstellen können.

Bei Malewitsch verhält es sich anders. Er war eng mit der russischen Avantgarde der zehner und 20er Jahre des 20. Jahrhunderts verbunden und wirkte 1913 an der Uraufführung des opernhaften Gesamtkunstwerks "Sieg über die Sonne" in St. Petersburg mit, für das Malewitsch Bühnenbild und Kostüme geschaffen hatte - und bereits einen Vorläufer des Schwarzen Quadrats, den er auf den Bühnenvorhang gepinselt hatte.

Die russische Avantgarde war ein bunter Haufen von Schriftstellern, Künstlern, Musikern und Lebenskünstlern, die vor und nach der Oktoberrevolution des Jahres 1917 dem politischen Aufbruch neue künstlerische Ausdrucksformen zur Seite stellen wollten. Schon früh kollidierten sie dabei mit den Bolschewiken, doch bis in die 20er Jahre war kulturell noch manches möglich. Dem russischen Futurismus, aus dem der "Sieg über die Sonne" hervorgegangen war, folgte unter anderem die Gruppe "Oberiu", in der Komik und Todesnähe absurde Verbindungen eingingen. Erst in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts erfuhr man davon auch im Westen. Vor allem der Schriftsteller Daniil Charms, 1905 in St. Petersburg geboren, 1942 als Staatsfeind verhaftet und während der Blockade von Leningrad an Unterernährung gestorben, wurde zunächst hierzulande und nach der Stalin-Zeit auch in Russland bekannt. Er war mit Malewitsch befreundet, sagte über ihn, dass er "stets bereit zu lachen und verschmitzt" gewesen sei und hielt 1935 die Grabrede auf den großen Maler - sein letzter öffentlicher Auftritt.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht unwahrscheinlich, dass Malewitsch einen Scherz mit seinem Quadrat trieb und es zugeich doch ganz ernst meinte mit seiner Revolution in der Kunst, der Tabula rasa, die einen neuen Anfang ermöglichen sollte. Wie ernst es ihm mit dem Quadrat war, zeigt sich daran, dass er es religiös überhöhte. Auf einer Fotografie der "Letzten Futuristischen Ausstellung 0,10" in Petrograd von 1915 hängt es an der höchsten Stelle des Raums und damit dort, wo in traditionellen russischen Haushalten die Ikone strahlt.

Mutmaßungen gibt es auch über einen Vorgänger des Quadrats: Sollte Malewitsch womöglich eine Karikatur von Alphonse Allais aus dem Jahr 1897 gekannt haben? Dabei handelt es sich um ein ornamental gerahmtes schwarzes Rechteck mit der Unterschrift "Negerkampf in einer Höhle während der Nacht". Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, so heißt es, sei der französische Satiriker in Russland populär gewesen.

In seiner letzten Phase brachte Malewitsch noch einmal das Quadrat ins Spiel. In einem Selbstporträt schlüpfte er in die Rolle eines Renaissancemalers, dessen Hand das abwesende Quadrat umgreift - eine Geste als Signatur und Erinnerung an den großen Aufbruch in die Ungegenständlichkeit, der Künstler bis heute beflügelt.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Moskau: Malewitsch gibt der Kunstwelt Rätsel auf


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.