| 08.09 Uhr

Campino
"Man will mich mundtot machen"

Der Kopf der Toten Hosen verrät, dass er heiraten möchte und warum er die Grünen wählt und Angela Merkel dennoch mag.

Düsseldorf Früher Nachmittag im Hauptquartier der Toten Hosen im Düsseldorfer Stadtteil Flingern. Campino ist müde, aber gut gelaunt. Gestern Abend stand er noch auf der Bühne, danach sah er sich bis in den Morgen Berichte über den Sieg des FC Liverpool an. Sein iPhone vibriert; als Klingelton hat der 55-Jährige Stadionjubel gewählt. Vom Ritchie ist dran, Schlagzeuger der Hosen. Sie sprechen Englisch, Campino sagt "Mannschestah" statt "Mäntschester", sie lachen viel. Als Campino auflegt, sagt er: "Vom ist so ein lustiger Typ!"

Wann schlafen Sie nach Konzerten eigentlich ein?

Campino Zwischen drei und vier Uhr morgens versuche ich, die Augen zuzumachen. Ich stelle alle Telefone aus und schlafe so lange, wie mein Körper es braucht. Das klappt nicht immer. Aber nach einer guten Nacht wache ich mittags um ein Uhr auf, dann startet für mich der Tag.

Elvis fand die Ruhe nach Konzerten grausam.

Campino Mich stört sie überhaupt nicht. Ich bin aber auch schon ein bisschen älter als Elvis. Ich gucke mir zuhause oft noch einen Film an, oder ich lege ganz leise Musik auf.

Welche Musik?

Campino Sehr viel Beatles. Das läuft dann ganz leise. Ich erahne die Musik mehr, als dass ich sie tatsächlich höre. Aber weil die Lieder mir so bekannt sind, macht das nichts und beruhigt mich total. Arvo Pärt ist für mich auch so ein Einschlaf-Garant. Seine Musik ist gut gegen das Klingeln im Ohr, das ich nach Konzerten oft habe.

Sie wirken ausgeglichen. These: Das hat mit privatem Glück zu tun.

Campino Ich vermeide es, solche Dinge öffentlich zu zelebrieren.

Wir sind unter uns.

Campino Sagen wir so: Ich bin gesund, mir geht es gut, und außerdem bin ich auch noch fest liiert.

Wie fest?

Campino Wir können uns vorstellen, irgendwann zu heiraten, aber es gibt keinen Termin. Das fühlt sich gerade sehr gut an. Ich habe jede Menge Erfahrungen, Höhen und Tiefen erlebt wie jeder andere Mensch in meinem Alter auch. Aber in letzter Zeit habe ich immer mehr das Gefühl, angekommen zu sein. Das empfinde ich als sehr schön und lässt mich ruhiger werden. Alles Weitere dann in der nächsten "Bunte" oder "Gala".

Ihr Sohn ist 13. Hört er HipHop?

Campino Ja. Er ist auch ein guter Skater geworden und fährt auf den größten Pipes. Er rappt auch für sich selbst und schreibt Texte. Das macht mir viel Freude.

Sie haben an Angela Merkel appelliert, sie möge durchhalten.

Campino Ein direkter Appell war das nicht, vielmehr ein herausgerissener Nebensatz aus einem Interview. Viele Leute haben Freude daran, mich als Merkel-Freund darzustellen. In meiner Wunschwelt allerdings wäre der Kanzler oder die Kanzlerin jemand von den Grünen. Seit Anfang der 80er Jahre wähle ich nichts anderes. Ich könnte mir auch nicht vorstellen, mein Kreuz bei der CDU zu machen. Aber wenn es um die Kanzlerfrage geht, setze ich mich hin und überlege, wie die machbaren Optionen aussehen.

Da sind Sie dann Realist?

Campino Die Grünen werden den Kanzler auf absehbare Zeit nicht stellen. Also geht es für mich um die Vermeidung des Schlimmsten. Ich sehe bei den meisten Parteien keine Person, mit der ich mich wirklich wohlfühlen würde. Und von daher fände ich es gut, wenn Merkel sich noch mal in den Ring begibt.

Was schätzen Sie an ihr?

Campino Sie steht außenpolitisch für Stabilität. Bei den ganzen Egomanen, die in der Welt regieren, kann sie sich als Frau mit anderen Mitteln den Problemen stellen als Männer wie Martin Schulz, der am verlorenen Wahlabend wie eine beleidigte Leberwurst kategorisch die Zusammenarbeit in einer Regierung ausschließt.

Sie mögen ihn nicht?

Campino Für die wirklich schwierigen Themen ist dieser Mann anscheinend nicht zu gebrauchen. Wir Bundesbürger sind zur Wahl gegangen und haben angekreuzt, wer unserer Meinung nach das Land führen soll. Eine Partei, die aber nicht wirklich mitmachen und regieren will, die brauche ich auch nicht zu wählen. Das gilt auch für die FDP. Wenn wir vergessen haben sollten, warum die FDP vor vier Jahren noch auf dem Friedhof gelandet ist, dann hat uns diese Partei nun wieder bestens in Erinnerung gebracht, warum man sie gut und gerne vergessen kann.

Aber jede Partei hat das Recht zu sagen: Wir sind nicht mehr an Bord.

Campino Das ja. Aber was mir nicht gefallen hat, ist die Inszenierung dieses Ausstieges. Wenn Christian Lindner Anstand gehabt hätte, wäre er zu den Vertretern der anderen Parteien gegangen und hätte gesagt: Leute, es läuft nicht, lasst uns geschlossen rausgehen und ein Statement abgeben. Stattdessen versuchte er selbst in dieser unglücklichen Situation noch, gut auszusehen, und versammelte seine traurigen Parteikameraden um die Mikrofone. Mehr kann man sich selbst nicht entlarven. Es reicht nicht vorzugeben, sich neu zu erfinden, indem man Gelb durch Magenta ersetzt, ein paar coole Fotos schießen lässt und sich bei einer Werbeagentur knackige Sprüche dazu bestellt. Einfach peinlich! Davon sind viele enttäuscht. Ich bin sicher: Bei einer Neuwahl wären sie die Verlierer.

Sie vermissen Politiker, die Verantwortung übernehmen?

Campino Es kann nicht sein, dass wir nur Sonnenschein-Politiker haben, die allein dann in die Verantwortung gehen, wenn ihnen die Konstellation passt. Alle Menschen müssen mit dem Wahlergebnis klarkommen und akzeptieren, wie die Mehrheitsverhältnisse in diesem Land aussehen.

Was sollten die Politiker tun?

Campino Sie sollten sich zusammenraufen und sagen: "Wir haben uns das anders vorgestellt, aber das ist nun mal die aktuelle Situation, und daraus machen wir das Beste." Das machen wir Bürger ja auch jeden Tag. In diesem Zusammenhang haben sich viele Politiker dermaßen blamiert, das ist für mich die große Enttäuschung. Ich will anderen Menschen nicht vorpredigen, wen sie wählen sollen. Aber ich muss sagen, dass mir die Vertreter der Grünen in den Koalitionsverhandlungen der letzten Wochen sehr gefallen haben. Sie waren bereit, von gewissen Grundsätzen abzuweichen und Kompromisse zu machen. Das drückt für mich Reife aus.

Das Magazin "Cicero" wirft Ihnen "pseudopolitische Naivität" vor.

Campino Damit muss ich leben. Ich kenne diese Versuche auch von Leuten aus der rechten Ecke, mir vorzuwerfen, dass ich ein großer Merkel-Jünger sei.

Welches Interesse steckt dahinter?

Campino Man will mir eine politische Kehrtwende unterstellen, mich diskreditieren, mundtot machen.

Warum?

Campino Ich glaube, ich gehe vielen Leuten unheimlich auf die Nerven.

Wie regieren Sie darauf?

Campino Gar nicht.

Sie könnten zurückbeißen.

Campino Wenn ich diesem Druck nicht standhalten würde, wäre das ein erster Beweis, dass es ihnen gelänge, mich einzuschüchtern. Ich stehe zu meinen Äußerungen. Oft werde ich aber falsch oder aus dem Zusammenhang gegriffen zitiert. Das muss ich akzeptieren. Ich bin jetzt so lange eine bekannte Persönlichkeit, da kann ich nicht erwarten, dass man mich mit Samthandschuhen anfasst. Als verzweifelten Schachzug versuchen diese Leute dann, mich mit meinem Merkel-Zitat als Verräter an der eigenen Sache darzustellen: "Aha, die Punks aus den besetzten Häusern von 1982 sind nun im Establishment angekommen." Solch eine Verdrehung hat es bei uns nie gegeben. Wir sind unseren Prinzipien immer treu geblieben, und ich stehe zu diesen Äußerungen: Gerade in puncto Flüchtlingspolitik hat Frau Merkel unheimlich gut dagestanden, auch im Vergleich zu anderen Staatsoberhäuptern. Noch einmal: Ich bin kein Merkel-Freund, aber wir können glücklich sein, sie noch zu haben.

Verrat an der eigenen Sache - das müssen Sie sich häufig anhören.

Campino Aber nur von Leuten, die eh noch nie etwas mit uns anfangen konnten. Man muss sich doch nur mal unsere aktuellen Lieder anhören: "Europa" oder "Im Gegenwind der Zeit". Das ist politisch gesehen kein bisschen anders als das, was wir früher bei "Willkommen in Deutschland" gemacht haben. Ich muss mich also definitiv nicht für meine politische Aussagen der letzten Zeit rechtfertigen.

Sollten Stars sich mehr einmischen?

Campino Es kann nicht darum gehen, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Ich allerdings bin so groß geworden, dass ich Musik nur zu 100 Prozent gut finden konnte, wenn ich den Künstler dahinter auch respektierte. Das war mir immer wichtig. Wenn ich ein zugegeben gutes Lied von einem Interpreten höre, den ich aus irgendeinem Grund nicht mehr leiden kann, steht auch das Lied für mich nicht mehr zur Debatte.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Campino Gary Glitter. Seine Songs "Leader Of The Gang" und "Rock 'n' Roll" waren tolle Lieder. Ich höre seine Musik aber nicht mehr, seitdem bekannt ist, dass der pädophil ist. Sobald ich heute auch nur den Ton seiner Stimme höre, bringe ich das sofort damit in Verbindung, dass er Minderjährige missbraucht hat.

Sie sind zehn Jahre älter als ich. Welchen Rat haben Sie für mich?

Campino Die wichtigsten Fehler muss man selber machen. Die sind bitter, aber sie prägen einen, und man sollte keine Angst davor haben. Allerdings hat sich in den letzten zehn Jahren viel bei mir getan.

Inwiefern?

Campino Von Ende 20 bis 45 bin ich bei manchen Themen ziemlich im Kreis herumgelaufen, aber in der letzten Zeit hat sich da etwas rasant bewegt. Ich kann jetzt akzeptieren, dass es im Leben immer weiter geht. Jede Stufe des Lebens hat eine eigene Schönheit und eine eigene Schwierigkeit. Es bringt nichts, dem Vergangenen hinterherzutrauern und das Hier und Jetzt zu ignorieren. Außerdem ändert sich, was man mit seiner Zeit anfängt und wofür man sich interessiert. Das ist aber nicht schlimm. Ich fühle mich heute weniger unsicher als früher. Ich reagiere nicht mehr so kategorisch wie früher, bin milder geworden.

Sie haben Ihren Frieden gemacht?

Campino Zum Frieden ist es noch etwas hin, aber ich habe kein Bedürfnis mehr, mich übermäßig aufzuspielen. An Wochenenden wurde ich früher nervös, weil es so viel zu verpassen gab. Das gibt's bei mir nicht mehr. Manchmal genügt es mir, am Rhein Fahrrad zu fahren und spazieren zu gehen. Dazu ein ,Tatort', und die Welt ist in Ordnung, weil der Gute am Ende gewinnt.

Der Satiriker Jan Böhmermann hat Sie oft böse aufs Korn genommen. Haben Sie seine Ausstellung in Düsseldorf gesehen?

Campino Nein.

Wollen Sie sie noch sehen?

Campino Wenn ich aktuell ins Museum ginge, interessierten mich andere Ausstellungen deutlich mehr. Aber wir sind ja auf Tournee und haben kaum Zeit für solche Dinge.

PHILIPP HOLSTEIN FÜHRTE DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
 
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