| 10.32 Uhr

Köln
Mariah Carey lässt sich in Köln auf die Bühne tragen

Köln. Es gibt nicht viele Künstler, die sich liegend auf die Bühne tragen lassen. Mariah Carey aber schon, und zwar auf eine Chaiselongue drapiert und geschultert von sechs Boys mit Bodys. Die 46-Jährige singt ihren Hit "Fantasy", den man allerdings nur erahnen kann, denn Bässe und Beats rollen unkontrolliert und unangenehm brummend durch die Kölner Lanxess Arena. Vielleicht ist ein Grund für die schlechte Klangqualität, dass bloß 5000 Menschen in einer Halle sitzen, die doch für 18.000 geplant wurde. "It's just a sweet, sweet fantasy, Baby", singt Mariah Carey. Von Philipp Holstein

Sie ist die bestverkaufte Solokünstlerin der Welt, 220 Millionen Platten und 18 Nummer-eins-Hits in den USA haben ihr ein Vermögen von einer halben Milliarde Dollar eingebracht. Nun steht sie auf der Bühne mit einem hautfarbenen Glitzeranzug, der sie wie eine Eiskunstläuferin der 80er Jahre wirken lässt, und in goldenen Schuhen, die so hoch sind, dass Carey sich von den Body-Boys wie ein Möbelstück tragen oder führen lassen muss, wenn sie den Standort wechseln möchte. Bei "Emotions" scheint sie kurz zu überlegen, ob sie die sechs Stufen der Showtreppe nehmen soll, aber sie lässt es dann doch lieber bleiben. Bald wird sie auf den Schultern der Bodys zum Umkleiden backstage transportiert.

Die große Zeit von Mariah Carey waren die 90er Jahre, aber die sind so weit weg. Zumal Carey im Geiste immer am klassischen Soul orientiert war, an den Hits der Motown-Ära. Dieser Sound ist warm, aber auch etwas aus der Zeit gefallen. Beyoncé etwa ist nur zehn Jahre jünger, aber zwischen den Werken der beiden liegen Welten.

Über die fünf Leinwände des bescheidenen Bühnenbilds flackern die Videoclips zu den Songs, die Carey performt. So steht sie stets in Konkurrenz zu ihrem jüngeren Ich, sie lenkt ab von der Gegenwart, und die Bildregie bekommt es nicht hin, den Live-Gesang mit den Lippenbewegungen auf der Leinwand zu synchronisieren. Michael Jackson grüßt als Gast bei der Coverversion von "I'll Be There", Whitney Houston wird zum Duett "When You Believe" zugeschaltet, auch der Rapper Ol' Dirty Bastard ist zu sehen. In Wirklichkeit sind sie alle tot.

Die Show ist nervös choreografiert, manches wirkt wie eine Persiflage, etwa die zum Teil anlasslosen Ausflüge in höchste vokale Höhen. Carey schließt die Augen und legt eine Hand ans Ohr, und es ist, als pfeife da jemand. Sie bekommt Szenenapplaus dafür, sie streicht sich über das Haar und sagt "I love you, too" wie jemand, der das öfter sagt und trotzdem an die Wahrheit darin glaubt. Sie ist dem täglichen Leben längst enthoben, sie scheint durch einen seidigen Vorhang auf die Wirklichkeit zu blicken. Es umgibt sie ein schlafwandlerisches Einverstandensein mit den Gegebenheiten, das man nur an Leuten feststellt, die sich um die Zukunft nicht sorgen müssen, weil sie aus der Vergangenheit schöpfen. Das denkt man - und sieht auf der Leinwand, wie Carey auf einem Einhorn reitet: Sie wohnt hinter dem Regenbogen, da braucht die Zeit keine Uhren.

In den langen Umziehpausen tanzen die Bodys Breakdance, ausufernd wird auch die Fünf-Mann-Band vorgestellt. Schließlich singt Carey eine schöne Version von Phil Collins' "Against All Odds" und ein tolles "Without You", und diese Momente aromatisieren den Abend mit alter Größe. Carey braucht keinen Klimbim, nur ein Mikrofon und eine Ballade. "Living in the memory of our song", heißt es in "My All". Nach 90 Minuten macht sie Schluss.

Quelle: RP
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