| 07.37 Uhr

Düsseldorf
Martha Argerich und der Berserker

Düsseldorf. Die Pianistin erlebte einen katastrophalen Abend mit Cellist Mischa Maisky. Von Armin Kaumanns

Für einen kurzen, unvergessenen Augenblick irgendwann im ersten Satz der Arpeggione-Sonate, erzittert die Welt. Martha Argerich, die große (und auf ihren Stöckelschuhen noch größere, wenngleich ziemlich unbeholfene) argentinische Pianistin hat einen dieser Schubert'schen Akkorde angeschlagen, in dem sich Himmel und Hölle, Feuer und Wasser zu grenzenloser Harmonie zusammenfinden. Unter ihren Händen entlässt der Flügel einen Klang, der so wunderbar reich und wahr unterm Gewölbe der Tonhalle schwebt, dass er dort zu Ewigkeit gerinnen könnte. Dann jedoch drischt wieder Mischa Maisky dazwischen.

In der Piano-Solo-Reihe bei Heinersdorff ist der Saal ausverkauft. Weltstars sind eine sichere Bank. Kaufmännisch. Musikalisch ist der Abend eine ziemliche Katastrophe. Denn was die beiden Musiker auf der Bühne verbindet, ist kaum mehr als das fortgeschrittene Alter und die langen grauen Haare, die der Argerich an der Wange kleben, dem Cellisten von Weltruhm opulent gelockt in der Art einer Gloriole ums Haupt sprießen. Während nun aber die Argerich mit all der ihr zu Gemüte stehenden Emotionalität, gepaart mit einer hohen musikalischen Intelligenz, in die Tiefe der Werke lotet, die sie nachschöpft, betätigt Maisky sich als - mit Talenten üppig gesegneter - Berserker. Kaum ein Ton in diesem wunderbaren Spätwerk, das Schubert für den Gitarren-Cello-Zwitter Arpeggione schrieb, den Maisky nicht mit voller Bogen-Attacke angeht. Sein Vibrato, für sich genommen ein geradezu gottgleiches, katapultiert jede Note auf die Kirmes. Während die Argerich auf dem Tasteninstrument das große Legato zelebriert, die Bögen spannt bis zur Seligkeit, zerfetzt Maisky jede Phrase. Das Klavier singt - das Cello, Instrument des Singens, poltert.

Nun ist natürlich nicht alles furchtbar an diesem Abend, der sogar in Zugaben mündet. Aus Beethovens früher g-Moll-Sonate blitzt eine zauberhafte Coda hervor; Francks Cello-Version der Violinsonate schwelgt herzlich, das Scherzo gelingt halsbrecherisch. Aber Maisky greift so oft daneben, dass man sich schämen möchte. Und die Argerich ist zu schade zum Löcherstopfen.

Quelle: RP
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