Bildband über das Wirtschaftswunder: Die Vergangenheit bekommt Farbe

VON ANNETTE BOSETTI - zuletzt aktualisiert: 16.10.2008 - 07:35

(RP) Finanzkrise, Entlassungen und Skandale – unsere Wirtschaft wird durchgeschüttelt, die Menschen verlieren das Vertrauen. Das war nicht immer so. Das Wirtschaftswunder erfasste in den 50er und 60er Jahren das ganze Land. Bilder dieses Zeit kennen wir fast nur von Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Nun hat Josef Darchinger einzigartige bunte Fotografien aus der Nachkriegszeit in einem neuen Bildband veröffentlicht.

Es sind stille Fotografien aus einer anderen Zeit. Schwarz-weiß und farbig, niemals reißerisch – sondern Momentaufnahmen. Geschichtsschreibung als Kaleidoskop. Sieben Jahre nach der „Stunde Null“ ging Josef Heinrich ("Jupp") Darchinger auf die Pirsch im Westen des geteilten Deutschland. Das war 1952, als in New York die US-Reisebüros dafür warben, dass man in Deutschland die letzten Trümmer besichtigen könne.

Einige Trümmer und Ruinen hat auch Darchinger auf seine Fotos gebannt, den ausgebrannten Reichstag oder „köllsche Pänz in einem Hinterhof“, auf dem Schutt von 2000 Jahren spielend, von dem die dickste Schicht brandneu war.

Der Fotograf hat Deutschland nach dem Krieg eine eigene Stimmung verliehen, ein verwundetes Land im Aufbaufieber für die Ewigkeit konserviert, Familienleben gespiegelt, die Wirtschaft und die Politik. Der Kunsthistoriker Klaus Honnef steuert kluge Texte bei.

Darchinger ist 1925 in Bonn geboren, lernte Landwirtschaft, zog in den Krieg, wurde schwer verletzt und floh aus der Gefangenschaft. 1949 erwarb er seine erste Leica IIIc. – ein Neubeginn auch für ihn. Er nannte sich Fotojournalist, war anfangs für die SPD tätig. Schon bald hatten seine Auftraggeber große Namen. Magazine wie "Der Spiegel" und "Die Zeit" schickten ihn zu internationalen Konferenzen. Darchinger kam in der Welt herum. In dem prächtigen Fotoband liegt sein Fokus auf Deutschland.

Berührend die fröhlichen Kinder und optimistischen Mütter, die häuslichen Szenen, die Ärmlichkeit einerseits und der beginnende Wohlstand andererseits. Man fuhr den ersten Käfer, rauchte Zigaretten und feierte entspannter Weihnachten. Die Frauen toupierten ihre Haare, und auf Norderney flanierte man auf der Strandpromenade. Die rauchenden Schlote des Ruhrgebiets und die ersten Nachkriegspolitiker stehen für den wackeren Aufbruch der Deutschen ins Wirtschaftwunder. So ist Darchingers fotografierte Zeit eine feine, erbauliche Lektion für jeden Bürger.


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Quelle: RP

 
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Autor: Violine | 16.10.08 21:19 (1/1)
Wirtschaftswunder - danke für den Beitrag!
Liebe Frau Bosetti, an dieser Stelle mal einen herzlichen Dank für diese Jugenderinnerungen!!! In meiner Heimatstadt Hagen gab es bis Anfang der Sechziger noch die ''Hasper Hütte'' -...
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