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Mein Leben mit Disney

Walt Disney schuf Welten, in denen man sich verlieren kann. Doch manche nennen ihn rassistisch und frauenverachtend. Von Nicole Scharfetter

Als Kind war ich verrückt nach Arielle, sicher hundert Mal habe ich den Film gesehen. Und später tobte ich mit Mogli, Baghira und Kaa durchs Wohnzimmer. Ich bin ein so großer Disney-Fan, dass ich meine Eltern überzeugen konnte, unseren ersten Hund nach dem dicken, gemütlichen Bären Balu aus dem "Dschungelbuch" zu benennen. Von A wie "Alice im Wunderland" bis Z wie "Zoomania": Ich habe sie alle gesehen. Unglaublich, aber wahr: Nicht jeder mag Disney. Wussten Sie, dass es Leute gibt, die Disney- und Pixar-Filmen die Schuld geben für ihr trauriges Dauersingle-Dasein? Angeblich vermittelt Disney sogar ein völlig falsches Bild der Realität.

Neuerdings warnen Forscher sogar ausdrücklich davor, Kindern die animierten Zeichentrickfilme zu zeigen. Weil sie rassistisch sein sollen, Kinder im Glauben lassen, dass arme Menschen nur deshalb in einem sozial schwachen Umfeld leben, weil sie faul sind, und kleine und große Schwindeleien einen ans Ziel bringen. Von wegen pädagogisch wertvoll - eine Studie der Duke-Universität in North Carolina hat ergeben, dass lediglich vier Prozent der Charaktere in Disney- und Pixarfilmen aus ärmlichen Verhältnissen stammen, in Wirklichkeit aber 25 Prozent der amerikanischen Kinder in Armut leben. Armut werde in den Filmen sogar verharmlost. Hätte ich schon früher kritisch hinterfragen müssen, warum Schneewittchens hart arbeitende Zwerge ständig tanzen und singen und pfeifen, obwohl sie fast nur im Stollen schuften?

Und es gebe immer, wirklich immer ein Happy End. "Es schadet Kindern, wenn sie nur glücklichen Film-Enden ausgesetzt sind", sagt Jessy Straub von der Duke-Universität. "So funktioniert das Leben nicht, egal ob man arm oder reich ist. Scheitern gehört zu den Erfahrungen, die wir machen müssen." Aber wie sehr haben mir Walt Disneys Filme nun wirklich geschadet?

Nehmen wir den Klassiker aus dem Jahr 1992: "Aladdin". Der junge, liebenswerte Dieb, der sich mit seinem Affen Abu auf den Straßen der geschäftigen Stadt Agrabah durchs Leben schlägt, ist in Wirklichkeit nichts anderes als ein Heiratsschwindler. Als er sich nämlich in die schöne Prinzessin Jasmin verliebt, gibt er vor, ein Prinz zu sein, um ihr Herz zu erobern. Agrabah - die Stadt der Lügen und Intrigen: Das wäre der bessere Titel gewesen, weil Disney uns mit "Aladdin" nur manipulieren wollte, und am Ende eben immer der Lügner gewinnt.

Bleiben wir gleich beim Thema: Die schöne rothaarige Arielle ist im Grunde eine penetrante Stalkerin, die sich nur in Eric verliebt, weil er gut aussieht. Oder ein Prinz ist. Oder beides. Dafür opfert die Teilzeit-Meerjungfrau sogar ihre Stimme, um die lästige Schwanzflosse loszuwerden und dem Prinzen zu gefallen. Obwohl oder gerade weil Arielle stumm ist, verliebt sich Eric in sie. Damit trifft der Filmemacher doch den Nagel auf den Kopf: Oder stehen Männer doch nicht nur auf Frauen, die sich äußerlich und innerlich für ihn ändern und dazu auch mal die Klappe halten? Von Arielle lernen wir, dass Frauen wie Männer bei der Wahl ihres Partners verdammt oberflächlich sind. Ein kleiner Tipp noch: Sich die Haare mit der Gabel kämmen kommt nicht wirklich gut an beim anderen Geschlecht. Oder bei den Freunden, oder den Eltern. Letztere haben mich in meiner frühkindlichen Arielle-Phase gern auch mal aufs Zimmer geschickt, wenn ich nicht aufgehört habe, die Zinken durch die Strähnen zu ziehen, anstatt die Spaghetti damit aufzudrehen.

Wer im Disney-Film arm ist, ist auch immer faul, behaupten die Forscher. Die Filme suggerieren, dass man nur mit Fleiß weiterkomme. Cinderella ist arm, sie lebt bei ihrer bösen Stiefmutter und den beiden Stiefschwestern, die sie tagein, tagaus triezen. Obwohl Cinderella so fleißig ist, kann sie sich aus ihrer misslichen Lage nicht befreien. Zumindest nicht allein. Erst als der Prinz sie findet, wird das Leben der hübschen Blondine besser. Im Grunde bringt Cinderella nicht der Fleiß aus ihrer Misere, so wie es der amerikanische Traum eigentlich vorgibt. Cinderella küsst beziehungsweise - wenn ich es ganz hart ausdrücken würde - schläft sich in der Gesellschaft hoch. So happy scheint das Ende ja nun nicht zu sein, oder? Mit Fleiß jedenfalls hatte die Befreiung aus den Zwängen der Familie wirklich nichts zu tun.

Überhaupt spielt das Frauenbild eine ganz gewichtige Rolle in den Animationsfilmen. 1998 erschien der von chinesischer Kunst inspirierte Zeichentrickfilm "Mulan", in dem es um ein junges Mädchen geht, das für den kranken und schwachen Vater in den Krieg gegen die Hunnen zieht. Weil Frauen aber nicht in der chinesischen Armee zugelassen sind, verkleidet sich Mulan kurzerhand als Junge und durchlebt dank Walt Disney eine geschlechterspezifische Identitätskrise. Erst verändert sie sich äußerlich, indem sie sich mit einem Samurai-Schwert die Haare auf Schulterlänge abschneidet, und verdient sich dann durch ihren Mut den Respekt der Kameraden. Warum eigentlich wieder ein Mädchen sein, wenn es als Junge so gut läuft? Ganz klar: Die Liebe ist schuld. Und bei all ihrer inneren Zerrissenheit wird Mulan auch noch von einem Drachen namens Mushu beraten. Wie realistisch ist das denn bitte, Herr Disney, fragen die Kritiker. Zu Recht?

Keine zehn Jahre später interessiert es niemanden mehr, ob Mulan nun Junge oder Mädchen oder androgyn ist. Alle stehen auf Rémy, die Ratte, die sich in "Ratatouille" als talentierter Koch entpuppt. Ich auch. Dank Walt Disney springt niemand mehr panisch auf einen Küchenhocker, wenn eine Ratte über die Fliesen flitzt. Stattdessen wollen alle die kleinen, possierlichen Tierchen als Haustier halten. Zumindest so lange, bis ein neuer Stern am Disney-Himmel aufgeht, und die armen Ratten plötzlich wieder Bazillen übertragende graue Viecher mit unschön langen Schwänzen sind.

Walter Disney ist der Mann, der über Aufstieg und Fall der Tiere entscheidet. Er hatte ein Faible für Tiere, er brachte 1967 Rudyard Kiplings "Dschungelbuch" auf die Leinwand. Ein Meisterwerk, wie ich finde. Ich möchte an dieser Stelle nur noch mal an meinen ersten Hund erinnern. Für andere ist das "Dschungelbuch" ein versteckter rassistischer Diskurs. Der kleine Junge Mogli, der seine Eltern verliert, freundet sich mit den zwielichtigen Charakteren Balu, Baghira und Kaa an. Besonders verstörend ist aber der Affenkönig King Louie mit Südstaatenakzent und einer Leidenschaft für Jazz, wenn er singt: "Oh dubidu, ich wäre gern wie duhuhu, ich möchte geh'n wie du, steh'n wie du, duhuhu". Während die Menschen gegen die gesetzlich festgeschriebene Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung in den Südstaaten der USA in den späten 1950er und 60er Jahre für weltweite Aufmerksamkeit sorgen, werfen Disney-Hasser dem Filmemacher vor, der Affe stehe für einen Schwarzen, der sein will wie das weiße Menschenkind. Falls Sie es vergessen haben sollten: Mogli war eigentlich ein Junge aus Indien.

Walt Disney, der Rassist und Menschenhasser, der Mann, der Kindern vorgaukelt, dass Armsein nichts Schlimmes ist, und der Tausende Frauen verkorkst hat für die Männerwelt. Dazu gibt es aberwitzige Thesen und Verschwörungstheorien im Netz. Dabei haben mindestens genauso viele Frauen ihren Prinzen gefunden, oder Männer ihre Prinzessin, obwohl sie die Filme geschaut haben.

Ich habe versucht, mich mit selbst gebastelten Lianen von Baum zu Baum zu schwingen wie Tarzan, und ja, so ein Sturz kann wehtun. Trotzdem bin ich nicht böse mit Walt Disney. Wir haben Frösche gesucht, um sie zu küssen. Und Gott sei dank keine gefunden. Ich bin erwachsen geworden und liebe die Filme immer noch. Zum Teufel mit der Wissenschaft: Lasst mir den Glauben an das Gute, das Happy End, die Welt ist grausam genug. Manchmal wollen wir doch einfach nur einen netten Abend im Kino oder vor dem Fernseher, ohne Terror, ohne Krieg, ohne Verbrechen. Wer weiß, ob Disney ein Rassist war oder Frauenhasser - mit seinen Filmen hat er Welten geschaffen, die schön sind, und die man nicht überanalysieren und -interpretieren muss. Wie wär's mit ein bisschen mehr Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit, jagst du den Alltag und die Sorgen weg.

Quelle: RP
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