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Kolumne
It’s My Life

Kolumne: It’s My Life
FOTO: Phil Ninh
Über 90er-Jahre-Parties, Schlaghosen und warum uns vergangene Zeiten oft mehr faszinieren als die Gegenwart. Von Verena Patel

Ich habe einmal ein bauchfreies Top besessen. Es war gelb und hatte einen wellenartigen Saum, hinten war es länger und vorne hatte es auch noch Knöpfe. Ich weiß nicht mehr, was ich daran jemals toll gefunden habe, aber es war so, als ich 13 war. Getragen habe ich das Ding kaum, es war eher eine Art Trophäe, ein Symbol dessen, was ich sein wollte – ohne es zu sein.

Heute bin ich froh darüber. Warum man seinen Bauch der Welt zeigen muss, kann ich nicht verstehen. Aber es tun wieder mehr Menschen.  Die Kinder der 80er werden gerne als Generation bezeichnet, die um sich selbst kreist. Der Nabel der Welt.

Vielleicht sind es genau diese Leute, die 90er-Jahre-Partys zur Norm erhoben haben. Ich habe das Gefühl, dass mittlerweile eigentlich überall 90er-Jahre-Party ist. "Es kommt alles wieder", sagte meine Großmutter. Wenn ich "It's My Life" höre, "Mr. Vain" oder "Everybody" bekomme ich tatsächlich manchmal ein wohliges Gefühl. Ich weiß nicht genau, warum. Nicht, weil das eine besonders schöne Zeit war mit besonders toller Musik. Es ist eher so, wie in ein Vollkornbrot zu beißen und es genauso schmeckt, wie erwartet.

Alter ist ein Zustand, in dem die Überraschungen abnehmen. Oder vermieden werden.  Vielleicht sehnen wir uns deshalb nach dem, was wir kennen. Etwa zwei Jahre nach dem gelben Top kaufte ich mir eine hellblaue Schlaghose aus Feincord, in einem Laden, der Frangipani hieß. Räucherstäbchen qualmten und es gab jede Menge Hippie-Kram. Ich glaube kaum, dass sich einer von uns erklären konnte, warum wir auf einmal rumlaufen wollten wie unsere eigenen Eltern, als sie jung waren. Aber es war in.

So wie es in ist, die 90er wiederaufleben zu lassen. Natürlich mit einer ironischen Attitüde. Es meint niemand so ganz ernst. So wie auch die Cafés mit Oma-Möbeln nie ganz ernst gemeint waren. Sollte ja ein Gegenentwurf sein zu allem, was blank poliert und neu war, ohne Geschichte. Ich wundere mich, wieviel Geld Plastikeierbecher aus der DDR heute auf Flohmärkten einbringen. Dem Alten zu entkommen, war vor 25 Jahren das erste Ziel. Und wer kein Geld hat, wünscht sich einen Neuwagen oder eine Küchenmaschine mehr als einen alten Ofen. Sehnsucht muss man sich leisten können.

Ich bin schon gespannt auf die erste 2000er-Party. Da tragen dann wahrscheinlich alle ein iPhone  erster Generation. Soll aber mittlerweile sehr teuer sein, Sammlerpreis.

An dieser Stelle schreiben wöchentlich im Wechsel junge Journalisten der Rheinischen Post. Jeden Sonntag geben sie zu einem frei gewählten Thema ihren "Senf" ab – und freuen sich auf Reaktionen an: kolumne@rheinische-post.de.

 

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