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Kolumne
Wie mich Aufräumen einmal fast das Leben kostete

Kolumne: Wie mich Aufräumen einmal fast das Leben kostete
FOTO: Phil Ninh
Seien wir ehrlich: Ich kann froh sein, dass ich noch lebe. Es heißt, die meisten Unfälle passieren im Haushalt. Doch ich bin mir sicher: Die meisten Todesfälle gibt es in Arbeitszimmern von Lehrern. Nirgendwo sonst schlummern so viele Gefahrenquellen. Auch bei uns. Von Florian Rinke

Gestern wollte ich aufräumen. An sich kein Problem, doch meine Frau hatte auf dem Regal im Flur ein Schulbuch liegen lassen. Um es wegzuräumen, müsste ich durch das Arbeitszimmer zum Bücherregal, das ganz am Ende dieser vier Meter langen Todeszone liegt. Das Arbeitszimmer ist Sperrgebiet.  Um hier zu überleben bedarf es einer enormen Physis und der Abenteuerlust eines Indiana Jones. Gott sei Dank verfüge ich über beides.

Zentimeter für Zentimeter wagte ich mich vor, ängstlich bedacht, keine hektischen Bewegungen zu machen, um die meterhohen Türme aus gestapelten Schulheften nicht zum Einsturz zu bringen und lebendig begraben zu werden. Das Herz schlug mir bis zum Hals, als ich aus dem Augenwinkeln die Bastelschere wahrnahm, die auf der Kante des Schreibtischs schwebte. Meine zitternden Finger umschlossen schweißnass das Buch. Noch immer schien das Regal kilometerweit entfernt. Plötzlich merkte ich, wie ein Nieser in mir aufstieg. Oh nein, nicht hier. Doch er musste raus. HATSCHI!

Der Turm mit den Klassenarbeiten wankte und ich versuchte, mich mit einem Hechtsprung unter den Schreibtisch zu retten. Vergeblich! Mein Fuß hatte sich im Kabel des Laminiergeräts verfangen, das sich wie eine Schlinge um den Knöchel zog. Ich taumelte, fand auf dem Schreibtisch zwischen Buntstiften und Post-its keinen Halt und stürzte. Haarscharf schlug mein Kopf neben der messerscharfen Klinge der Schneidemaschine auf. Panisch sah ich, wie sich das Lineal, das ich heruntergerissen hatte, im Sturzflug meinem Herzen näherte. Dann wurde mir schwarz vor Augen.

Ich weiß nicht, wie lange ich weg war. Stunden, vielleicht sogar Tage. Irgendwann klickte das Schloss in der Haustür. Meine Frau! Sie lachte. "Was machst du denn da?" Ich verstehe bis heute nicht, wie sie in dieser Situation lachen konnte. Ich hätte tot sein können. Ok, mein Kopf ist nicht auf den Boden, sondern die Tüte mit den Tüchern für die Bodenbilder aufgeschlagen und das Lineal ist an meinem mächtigen Brustkorb zerschellt wie an einem Panzer (auch wenn sie behauptet, das sei gelogen). Aber es war sehr knapp! Es war pures Glück, dass der Sensenmann mich diesmal nicht erwischt hat. Das Buch gehörte übrigens nicht ins Regal. Meine Frau hatte es sich von einer Kollegin geliehen.   

An dieser Stelle schreiben wöchentlich im Wechsel junge Journalisten der Rheinischen Post. Jeden Sonntag geben sie zu einem frei gewählten Thema ihren "Senf" ab – und freuen sich auf Reaktionen an: kolumne@rheinische-post.de.

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