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Köln
Meisner: "Deutschland ist nicht gottverlassen"

Köln. Der nationale Eucharistische Kongress war ein ernstes Glaubensfest. Er wollte aber auch unterhalten, was nicht immer gelang. Von Lothar Schröder

Es musste bis zum gestrigen Abschlussgottesdienst im Kölner Fußballstadion dauern, ehe der nationale Eucharistische Kongress nach seinen fünf Glaubensfest-Tagen auch in Deutschland ankam. Und es war der gastgebende Erzbischof – Joachim Kardinal Meisner –, der diese Unmittelbarkeit und Bodenständigkeit in seiner Predigt herstellte. Denn das Brot, das wir essen, findet seinen Ursprung im Boden unseres Landes. "Christus nimmt unser Land gleichsam in seine Leibhaftigkeit auf", sagte er, Deutschland werde im Akt der Eucharistie also mitgeheiligt – von Görlitz bis Köln, von München bis Flensburg. Und: "Christus bekennt sich zu unserem Land. Deutschland ist trotz allem nicht gottverlassen."

Es war zum Ende noch einmal ein charismatischer, wortmächtiger Auftritt des Erzbischofs von Köln, auf dessen Initiative und schließlich auf Einladung der Deutschen Bischofskonferenz der Kongress an den Rhein gekommen ist.

Dennoch, es gab eindringlichere und bewegendere Momente in diesen fünf Tagen. Und dass der Abschlussgottesdienst trotz vieler Anstrengungen ein bisschen blass und durchaus verwechselbar geriet, lag im wesentlichen am viel zu großen Stadion. Auf 20 000 Teilnehmer hat der Veranstalter die Beteiligung geschätzt. Mag sein. Die Ränge waren trotzdem arg spärlich besetzt und der Innenraum auch deshalb halbwegs ordentlich gefüllt, weil mehrere hundert Geistliche und mit ihnen 1200 Messdiener dort saßen. Die Fußball-Arena jedenfalls war für das Fest ein überambitionierter Ort; zudem wurde zur eucharistischen Feier droben auf der Bühne eine Distanz zum anwesenden Gottesvolk geschaffen, die man – auch mit Blick auf die wegweisende Liturgiereform "Sacrosanctum Concilium" vor 50 Jahren – zu verringern und abzubauen versucht war. Ein Gottesdienst in katholischer Weite ist das Erstrebenswerte, nicht aber in katholischer Ferne und Leere.

Ergreifender war da sicherlich die viel überschaubarere Eröffnungsmesse am Tanzbrunnen. Kardinal Meisner war der Zelebrant, und als er bei der Wandlung die große Hostie in die Höhe hielt, fiel das Licht der tiefstehenden Sonne auf das Brot und schien es in den Händen des Bischofs geradewegs in ein Stück Gold zu verwandeln.

Der Kongress hat immer dann seine Linie und sein Profil verloren, wenn er noch etwas anderes sein wollte als ein Eucharistischer Kongress. Wenn er zum Beispiel auch noch ein bisschen Katholikentag sein und feiern wollte. Die große Brottafel auf dem Roncalli-Platz war sicherlich sehr gut gemeint und von ihrem Symbolcharakter ja auch bedenkenswert. Welche Banalitäten dann aber auf der Bühne den Ton angaben, veranlasste viele, im Schatten des Domes Biergartenstimmung aufkommen und sich von den paar Nebengeräuschen auf der Bühne nicht weiter stören zu lassen.

Zu den wenigen Beiträgen, die über Bühne und Tag hinausweisen wollten, gehörten die deprimierenden Recherche-Ergebnisse des Kölner Journalisten und Filmemachers Valentin Thurn ("Taste the waste"). Danach werden allein in Deutschland auch aufgrund des Überangebots Jahr für Jahr 15 Millionen Tonnen Lebensmittel vernichtet. Und fast jede zweite geerntete Kartoffel erreicht gar nicht erst den Verbraucher, bloß weil diese aus optischen Gründen als schwer verkäuflich gilt. Schließlich: Das Essen, das die Europäer im Jahr wegwerfen, würde gleich zweimal ausreichen, alle Hungernden dieser Welt zu ernähren.

Das sind Sätze, die einem im Hals stecken bleiben und das Vaterunser auch gesellschaftlich brisant werden lassen: "Unser tägliches Brot gib uns heute" beten dann nämlich jene, die durch ihren eigenen Überkonsum anderen Menschen dieser Welt das Brot verwehren. Thurns Worte blieben nicht unerhört: Nach seinem Film wurde in NRW ein runder Tisch zum Thema einberufen, und Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner ließ eine Studie zu diesem Ernährungsskandal hierzulande erheben.

Gelungene Bühnenprogramme aber waren die Ausnahme. Denn wo der Eucharistische Kongress leicht zu werden versuchte, wurde er zu oft zu seicht. Diese fünf Tage waren jedoch ein ernstes Glaubensfest; und wer das Spektakuläre suchte, musste für das Spektakuläre erst empfänglich werden: also für das Geheimnis des Glaubens.

Zum Kern des Kongresses zählten darum sicherlich die 80 Katechesen – Bibelauslegungen und Unterweisungen durch Theologen und Bischöfe. Das ist in einer besonders nach lauten Tönen suchenden Öffentlichkeit bestimmt nicht allzu wirkungsvoll. Aber als Feinstruktur einer Glaubensvergewisserung und eines gemeinschaftlichen Nachdenkens waren diese morgendlichen Kirchenbesuche von erheblicher Relevanz und katholischer Tiefenwirkung.

So beispielsweise in Karl Kardinal Lehmanns Auslegung, dass die Kirche im Grunde nur Eucharistie ist. "Tut dies zu meinem Gedächtnis", sprach Jesus beim Abendmahl. Und darum ist nach den Worten des 76-jährigen Mainzer Bischofs die Kirche sowohl in ihrer Herkunft als auch in ihrer Gegenwart und Sendung "eigentlich nichts anderes als eine einzige Antwort auf diesen Auftrag Jesu Christi".

Auch in Momenten wie diesen konnte die Kirche wieder zu einem Selbstverständnis finden, das in die Zukunft weist. Zuversichtlich darin gab sich ausgerechnet der älteste deutsche Kardinal, der 80-jährige Walter Kasper aus Rom. Wir bräuchten keine Angst zu haben, rief er putzmunter – denn: "Krise gehört zur Kirche." Stattdessen wäre ein Themenwechsel in der Kirche dringend erforderlich, nämlich hin zur Gottes- und Jesusfrage, zu den Themen wie Hingabe, Liebe und Barmherzigkeit. Denn wenn wir das nicht mehr haben, so Kardinal Kasper, "hängen alle Reformbestrebungen – ob berechtigt oder nicht – in der Luft".

Quelle: RP
 
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