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Rolf Hochhuth
"Merkel hat eindeutig große Qualitäten"

Seit "Der Stellvertreter" gilt er als einflussreichster Dramatiker. In wenigen Tagen wird Hochhuth 85. In Leipzig stellte er seine Biografie vor. Von Lothar Schröder

Leipzig Er ist wahrscheinlich der einflussreichste deutsche Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Sein massiv diskutiertes Stück "Der Stellvertreter" über Papst Pius XII. und das Verhalten der katholischen Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus wurde in 25 Ländern gespielt und als Buch über zwei Millionen Mal verkauft; während sein Drama "Juristen" über die Vergangenheit Hans Filbingers den Rücktritt des damaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg erwirkte. In wenigen Tagen wird Rolf Hochhuth 85 Jahre alt. Zum Geburtstag ist jetzt im Dietz-Verlag seine von Birgit Lahann unterhaltsam geschriebene Biografie erschienen. Titel: "Der Störenfried".

Wie fühlt es sich an, sein Leben jetzt auf 400 Buchseiten beschrieben zu sehen?

Hochhuth Es bringt einen nicht unerheblich in Verlegenheit. Es gibt ja das Gebot von Schiller: Schriftsteller sollen nie ihr eigenes Leben beschreiben, denn alle ihre Erlebnisse waren ja nur innerlich. Das ist total meine Meinung. Bei mir kommt aber noch erschwerend hinzu, dass ich ein glücklich Davongekommener bin. Als die Amerikaner einmarschierten, war ich erst 14 Jahre alt und musste nicht mehr in den Krieg.

Dieses Glück hat dennoch nicht Ihr Leben bestimmt. Sie behaupten von sich, nie ein Optimist gewesen zu sein.

Hochhuth Das hat vielleicht andere Gründe: Ich wurde geboren, als mein Vater die familieneigene Schuhfabrik verloren hatte - in Folge der Weltwirtschaftskrise. Schwer zu sagen, wie so etwas einem Kleinstkind ins Bewusstsein kommt. Jedenfalls habe ich meinen Vater immer als einen ernsten Mann erlebt. Mein Bruder und ich mussten früh helfen und einmal in der Woche für die Victoria-Versicherung in den Häusern kassieren gehen. Das hat auch meine Menschenkenntnis geschult. Diese Zeit habe ich eigentlich abgelegt. Aber oft ist es ja so, dass das, was einem in der Pubertät widerfährt, einen immer noch am stärksten beschäftigt.

Empfinden Sie sich auch mit der neuen Biografie als eine Person der Zeitgeschichte?

Hochhuth Ich empfinde die Biografie vor allem als Sargdeckel. Es wäre ungeheuer übertrieben, mich als eine Figur der Zeitgeschichte zu bezeichnen. Ich hatte allenfalls das sogenannte Glück, dass die meisten Autoren meiner Generation sich nicht so sehr für Geschichte interessierten.

Sehen Sie sich denn lieber als "Störenfried", wie auch ihre Biografie überschrieben ist?

Hochhuth Naja, da steckt natürlich etwas vom Querulanten drin. Der wollte ich nie sein. Aber manchmal ließ es sich nicht vermeiden. Die Biografie sollte ursprünglich ,Der große Störenfried' heißen. Aber da habe ich mich durchgesetzt.

Mit dem ,Stellvertreter' sind Sie deutlich mehr als nur ein Störenfried - und das waren Sie bereits mit 27 Jahren.

Hochhuth Die Lyrikerin Hilde Spiel hat es im Feuilleton der FAZ einmal das Stück des Jahrhunderts genannt. Ich habe die Endfassung damals in Rom geschrieben - auf der riesigen Dachterrasse der Peterskirche. Ich konnte den ganzen Tag dort bleiben, das war nur eineinhalb Jahre nach dem Tod des Pacelli-Papstes. Geärgert habe ich mich später nur darüber, dass man den ,Stellvertreter' als Dokumentartheater bezeichnete. Das stimmt nicht. Von den insgesamt 28 Figuren hat es nur vier auch gegeben.

Warum gibt es heute eigentlich so wenig politisches Theater?

Hochhuth Das müssen Sie mir sagen; denn dafür habe ich keine Erklärung. Wir leben sieben Jahrzehnte nach Kriegsende in einem dumpfen Glück so dahin ...

... und sorgen uns wegen der Flüchtlinge im Land.

Hochhuth Da bewundere ich Frau Merkel, die zwei Millionen Flüchtlinge hierzulande aufnehmen möchte. Friedrich Wilhelm hat schon gewusst, warum er die Hugenotten in Preußen aufnimmt. Eine Nation braucht frische Luft. Die Flüchtlinge sind natürlich eine Chance für Deutschland.

Wie sehr beunruhigt Sie das Aufkommen der AfD, die ja Stimmung gegen die Aufnahme von Flüchtlingen macht?

Hochhuth Ich glaube, dass die Partei in Deutschland auf Dauer nicht die geringste Chance haben wird.

Der Kurs der Kanzlerin ist somit der richtige?

Hochhuth Ich würde niemals die CDU wählen. Aber Merkel hat eindeutig große Qualitäten. Dazu gehört, dass sie als Pfarrertochter eine hochgebildete Person ist. Und sie nimmt in der Asylfrage das Christliche im Namen ihrer Partei ernst.

Hatten Sie denn mit Angela Merkel auch schon mal Kontakt?

Hochhuth Ja natürlich, Sie wohnte in Berlin-Mitte ja ein Stockwerk über mir.

Angela Merkel wohnte über Rolf Hochhuth?

hochhuth Jaja, bis sie eine feine Frau wurde und wieder auszog. Ich zog in das Haus an der Behrenstraße in der Nähe des Brandenburger Tors ein, da war es noch ein Neubau. Die Straße war noch gar nicht asphaltiert. Und abends bin ich öfters in die Akademie gegangen, bis mich der Hausmeister fragte, warum ich so oft weggehe. Zumal dann immer viel Polizei im Treppenhaus war, wegen der neuen Frau in der CDU; bis ihm nach einer Weile der Name Merkel einfiel. Und dann bin ich abends eben daheim geblieben.

Quelle: RP
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