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Münster
Als die Stones Deutschland überrollten

Das ist Keith Richards
Das ist Keith Richards FOTO: dpa, Peter Foley
Münster. Vor 50 Jahren gab die Band ihr erstes Deutschlandkonzert. Die Stadt Münster ging auf Nummer sicher und schickte viel Polizei. Von Roland Berens

Das Plakat zeigte die Köpfe der fünf Musiker ausgestanzt wie runde Steine. Angekündigt wurde "die härteste Beat-Band der Welt". Am 11. September 1965 begann die erste Deutschlandtournee der Rolling Stones in der Halle Münsterland. Weitere Konzerte folgten in Essen, Hamburg, München und Berlin. Es waren Doppelkonzerte, das erste begann am Nachmittag, das zweite war für den Abend terminiert. In Berlin gab es nur ein Konzert: Das Sitzmobiliar der Waldbühne wurde in Einzelteile zerlegt.

Was war das für eine Zeit? Bis weit in die 1960er Jahre waren in den Hitlisten ausschließlich deutsche Schlager zu finden: Im Hörfunk lief Tanzmusik und das Fernsehen steckte in biederen Anfängen. Ab 1964 wandelte sich ganz allmählich das Bild. Die ersten Lieder der Beatles wurden auch in der Bundesrepublik bekannt. In den Städten öffneten die ersten Beatschuppen, äußerst misstrauisch beäugt von der Erwachsenenwelt und den Medien.

Unter Jugendlichen kursierte die Meinung, dass bei Stones-Konzerten grundsätzlich die Bühne gestürmt wird. Da man jedoch mit solchen Veranstaltungen keinerlei Erfahrung hatte, wurden Kommunalbehörden, Polizei und Saalordner in Alarmbereitschaft versetzt. Während der Münsteraner Konzerte waren mehrere Dutzend Polizisten in Zivil die ganze Zeit auf der Bühne zugegen und die ersten zwei Stuhlreihen im Parkett, eine davon zum Publikum hin ausgerichtet, waren ausnahmslos Ordnern vorbehalten, die, adrett gekleidet mit Anzug, Krawatte und einer weißen Armbinde die jugendlichen Musikliebhaber beäugten. In den Gängen hatte man ebenfalls alle drei Meter Ordnungspersonal postiert.

Fotos: Die (erwachsenen) Kinder der Stars FOTO: ap

Für den Fall, dass es dennoch zum "worst case" kommen sollte, stand hinter der Bühne ein Motorrad-Monstrum mit abgeschnittenem Auspuff und zwei Meter hohem Ofenrohr bereit. Mit diesem Gefährt sollten die anstürmenden Fans wieder von der Bühne vertrieben werden. Auch hatte man einen Wasserwerfer geordert. Die Veranstaltungsorte waren mit der Durchführung restlos überfordert. Bis dato bestand in deutschen Stadthallen das Programm im Wesentlichen aus Schlagergrößen wie Caterina Valente und Operettenmelodien. Somit gab es überhaupt keinen Anlass, diese Gastspielorte mit einer leistungsstarken Beschallung auszurüsten. In der Halle Münsterland war unter der Hallendecke in der Mitte eine einzige Lautsprecherbox in Form eines Oktaeders angebracht. Darüber sollte Mick Jagger unter anderem seine Stimme den in völliger Verzückung kreischenden Jugendlichen zu Gehör bringen. Es gab zu dieser Zeit weder ein Mischpult mit dutzenden Kanälen, noch vieltausendwatt starke Verstärkersysteme mit haushohen Lautsprechertürmen. Die Gitarrenverstärker von Keith Richards und Brian Jones würden heute jeder Garagenband ein müdes Lächeln entlocken und Charlie Watts versuchte nahezu allein durch Muskelkraft den Schlagzeugrhythmus im weiten Hallenrund zu verbreiten.

Die Stones betraten die Bühne, ohne Anmoderation. Ohrenbetäubender Lärm. Nach einer Minute zeigte der 22-jährige Mick Jagger ins Publikum "I need you, you, you". Erst da wusste man, mit welchem Song sie das Konzert eröffnet hatten: "Everybody Needs Somebody To Love". Die Musik der Stones ging im Geschrei der Fans fast unter.

Die Stones brachten acht Titel, und nach 25 Minuten war alles vorbei. Nicht enden wollender orkanartiger Trubel. Gut zehn Minuten dauerte es, bis sich allmählich eine Stimme aus dem Off Gehör verschaffen konnte, die immer wieder verkündete: "Die Rolling Stones geben keine Zugabe!" Später wurde bekannt, dass das der Münsteraner Polizeipräsident persönlich war.

Alle wollen die Rolling Stones sehen FOTO: cwo

Heute ist es schwer verständlich, mit welcher Häme und welchem Spott und sogar Hass in den Medien über diese ersten Stones-Konzerte berichtet wurde. Die "FAZ" berichtete von "erbärmlich einfallsloser Musik" und von "affenartigen Bewegungen des Sängers". In einer kurzen TV-Reportage war von "ungewaschenen Höhlenmenschen, die soeben aus der Eiszeit aufgetaucht sind" und von "Zwiesprache zwischen Mick Jagger und seinen willigen Opfern" die Rede. Überhaupt war man der Ansicht, dass über diese Art von Musik in einem Jahr niemand mehr reden würde.

Der befürchtete Untergang des Abendlandes blieb aus, zumindest, was seine Verursachung durch die Musik der Rolling Stones betrifft. Wer dabei gewesen ist, hatte etwas Großes, Neues und für immer Unvergessliches erlebt: den Anbruch einer neuen Zeit.

Info Unser Autor hat das Konzert als Jugendlicher miterlebt.

Quelle: RP
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